19. Oktober 2022

Leubringen – Twann

Biel. Die Stadt, an deren Peripherie ich aufgewachsen bin. Die Stadt, in der ich zwei Jahre Orgelunterricht genoss. Die Stadt, in die ich zwei Jahre mit dem Velo zur Verkehrsschule fuhr und gleichsam zum Antiautomobilisten wurde. Biel: Hier besuchte ich im Gaskessel die ersten Rock-Konzerte, wehrte mich erfolgreich gegen das Kiffen, kaufte mir indes in einem kleinen Tabakwarenladen meine erste Pfeife – eine Butz Choquin. Im Hallenbad des Kongresshauses lernte ich schwimmen, am Neumarktplatz fotografierte ich zum ersten und letzten Mal in meinem Leben eine Verkehrspolizistin – damals noch eine Seltenheit. Und: Im März 1978 war ich im Stadion, als der EHC Biel Schweizermeister wurde. Kurz: Biel war meine Heimatstadt, in der ich mich mehr oder weniger wohlfühlte.

Und nun, nach Jahrzehnten, gehe ich durch altbekannte Strassen vom Bahnhof zur kleinen Altstadt und weiter an die Talstation der Leubringenbahn. Wenige Minuten später, der Blick von Leubringen (Evilard) – der Ort gehörte von 1798 bis 1815 gar zu Frankreich – über die Stadt, über die Hügel des Mittellandes, bis hin zu den im Morgendunst sich schemenhaft abzeichnenden Voralpen. Ich stabe los, bin im Nu im unverkennbaren Jura-Ambiente und somit im totalen Kontrast zur Stadt. Ich gehe durch oktoberbunte Wälder und vorbei an mit friedlich weidenden Rindviechern bestückten Wiesen. Einzig die fein säuberlich mit Bundesgeldern gehätschelten Anlagen der Sportschule Magglingen am sogenannten «End der Welt» wirken etwas deplatziert.
 
An diesem formidablen Herbsttag zelebriere ich daher so lange mein Wanderglück und somit die unnachahmliche Freiheit des Fussgängers, bis ich schliesslich im behäbigen Twann ankomme, nicht zuletzt im Wissen, weitere neue Abschnitte der Berner Wanderwege beschrittelt zu haben, und dass Biel schon lange nicht mehr meine Heimatstadt ist. • Fotos

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