29. Juli 2022

Es sauste, tobte, rauschte, krachte und knirschte

Die 135 Meter lange Holzbrücke von Sevelen von der Liechtensteiner Seite aus gesehen.
Vor gut zwei Wochen überquerte ich vom Fürstentum Liechtenstein her kommend den Rhein auf einer bemerkenswerten Holzbrücke zwischen Vaduz und Sevelen. Bis ins 19. Jahrhundert war der Rhein im Grenzgebiet zwischen Liechtenstein und der Schweiz bis auf wenige Ausnahmen nicht reguliert und konnte deshalb weitestgehend frei fliessen. Der Personen- und Warentransport erfolgte daher durch Rheinfähren, die zwischen Liechtenstein und der Schweiz zu Beginn des 19. Jahrhunderts an fünf Stellen unterhalten wurden.

Der Beginn der Rheinkorrektion Mitte des 19. Jahrhunderts legte den Grundstein für den Brückenbau: Die ersten Rheinbrücken zwischen Liechtenstein und der Schweiz wurden 1867/1868 zwischen Bendern und Haag sowie zwischen Schaan und Buchs SG erstellt. Jene, die Vaduz mit Sevelen verbindet entstand in den Jahren 1870/71, musste aber wegen ihres schlechten Zustandes 1901 durch eine neue ersetzt werden. Und über dieses 135 Meter lange Bauwerk war ich also neulich gegangen. Der Zufall wollte es, dass ich in meiner aktuellen Lektüre über das Leben des Kapuzinerpaters Matthäus Keust (1840–94) auf eine Textpassage stiess, in der er die abenteuerliche Überquerung des Rheins in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bei Trübbach, also nahe Sevelens, beschreibt:

Von Wallenstadt erlöst, ging es nun wieder überall hin auf Mission, nach Ragaz, Vilters, Weisstannen, Gams, Flums, Quarten, Mels, wo ich lange Pfarrerverweser sein musste, Berschis, Murg, Schaan im Liechtensteinischen, Vaduz, Triesen, Triesenberg und Balzers etc.

Die Missionen ins Liechtensteinische liefen mitunter nicht ganz glatt ab und zwar wegen dem Rhein, über welchen damals noch keine einzige Brücke führte. Wer den Rhein nur gesehen hat, wenn er so still und ruhig, wenn auch etwas schäumend, von Ragaz her ins Rheinthal fliesst, der kann sich keinen Begriff bilden, was das für ein wilder, schrecklicher Gesell ist, wenn in den Bündtnerbergen der Föhn den Schnee schmilzt oder ein schweres Ungewitter über dieselben hinzieht. Ich selber habe eine Erfahrung gemacht, die mir zeitlebens in Erinnerung bleiben wird.

Pater Ephraim und ich befanden uns im Liechtensteinischen auf der Mission, er in Triesen und ich in Vaduz. Er erwartete mich in Triesen, und von dort gingen wir miteinander über den Damm nach Trübbach. Der Föhn stürmte fürchterlich, und wir sahen, wie der Rhein fast von Minute zu Minute anschwoll und grösser wurde. Das ganze weite Bett des Stromes war ausgefüllt mit dem Wasser; pfeilschnell eilten und schnellten die wilden Wellen vorüber, es sauste, tobte, rauschte, krachte und knirschte, dass uns fast Sehen und Hören verging. Und in Trübbach sollten wir in einem Schiff über dieses empörte Element setzen! Aber ob es noch möglich sein wird? Ob der Hans Saxer, so hiess der besorgte und erfahrene Fährmann, uns noch abholen wird? Können wir nicht hinüber, so müssen wir über den Luziensteig drei volle Stunden weit nach der Zollbrücke im Cant. Graubündten, und dann von dort wieder 3 Stunden nach Mels, also 6 oder eher mehr Stunden gehen, bis wir daheim sind.

Als wir bei der Fähre in Trübbach ankamen, waren Saxer und sein baumstarker Sohn am diesseitigen Ufer gerade damit beschäftiget, die nöthigen Laden, um bequem ins Schiff steigen zu können, an jenseitige Ufer in Sicherheit zu bringen. Es standen noch mehr Personen da, die auch noch hinüberbefördert werden wollten. Auf die Frage, ob wir noch mitgenommen werden könnten, meinte Saxer, er wolle auch noch hinüber, wenn wir mitkommen wollten, sei es ihm schon recht, aber heissen wolle er uns nicht. So wenig Vertrauen erweckend diese Einladung lautete, wollten wir uns doch von Frauenspersonen, die auch mit hinüber zu gehen sich getrauten, nicht beschämen lassen.

Blick von der Schweizer Seite hinüber ins Ländle mit dem fürstlichen Schloss.


Um nun, da die Laden, welche eine Brücke bildeten, weg waren, zum Schiff zu gelangen, mussten wir uns von den Männern auf den Schultern hintragen lassen, die Frauen wurden auf den Armen hinbefördert. Saxer Vater hielt mit den Händen das über den Rhein gespannte Seil, und Saxer Sohn stund mit einem scharfen Beil, das er immer in den Händen bereit hielt, am Seil, welches das Schiff mit dem gespannten in Verbindung brachte und festhielt, um auf das gegebene Zeichen des Vaters, wenn es nöthig sein sollte, dasselbe zu zerschneiden. «Nun, in Gottes Namen vorwärts!» sprach der Vater, und das Schiff befand sich in den schrecklich brausenden und tobenden Wellen. Zur Vorsorge hielt ich mit beiden Armen einen Laden umschlungen, auf dem ich, wenn es fehlen sollte, die schreckliche Fahrt den Rhein hinab machen wollte, bis Erlösung käme, sei's durch Menschen oder durch den Tod.

Kein Wort wurde gesprochen, und furchtbar lang währte es, bis wir nur in der Mitte der tobenden Fluthen waren, obschon es rasch ging. Doch endlich langten wir am Ufer an, aber jetzt sagte Saxer: «Das ist, bis das Wasser wieder abgenommen hat, die letzte Fahrt! Danket Gott, dass es so gut ablief.» Hätten wir die Grösse der Gefahr erkannt, wir hätten uns schwerlich getraut, die Fahrt zu wagen. Wir dankten wirklich Gott, dass wir so glücklich davongekommen sind. Gegenwärtig wissen die jüngern Capuciner nichts mehr von solchen Strapazen und Gefahren, welche die ältern einst bestehen mussten.

Und einmal mehr wird einem bewusst, welchen Kulturwandel das Verkehrs- und Transportwesen in den vergangenen 175 Jahren in unseren Längen- und Breitengraden vollzogen hat. Eine Bildstrecke der Wanderung von Steg (FL) nach Sevelen (SG) befindet sich hier.

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