5. Mai 2022

Der verflixte Guscha

Ach, als freischaffender Turmbesteiger hat man es nicht immer leicht. Das Berner Münster, zum Beispiel, darf alleine nicht mehr bestiegen werden – das Basler Münster offenbar auch nicht, wie mir kürzlich eine Blogleserin mitteilte. Dann gibt es Türme, die es plötzlich nicht mehr gibt, wie der Prime Tower bei Olten. Oder es gibt solche, die genau dann, wenn du deren Besteigung ins Auge gefasst hast, renoviert werden oder aus Sicherheitsgründen gesperrt sind. Und dann, ja dann gibt es noch den Guschaturm über dem bündnerischen St. Luzisteig.

Einen ersten Anlauf, den zur militär-historischen Wehranlage gehörenden Turm zu besteigen, machte ich am 5. Juni 2021. Allein das vor Ort herrschende Wetter liess meinen Plan nicht zu, so dass ich mich mit der Umrundung des Fläscherbergs begnügen musste. Einen zweiten Versuch unternahm ich am 30./31. Oktober 2022. Geplant war eine Wanderung von Steg im liechtensteinischen Saminatal auf den St. Luzisteig mit einer Besteigung des Guschaturms am Ende der Wanderung. Einmal mehr hatte das Wetter etwas dagegen. Obschon ich mich in Steg (FL) auf den Weg machte, musste ich auf dem ersten Pass abdrehen, da mich ein Föhnsturm immer wieder zu Boden drückte.

Am vergangenen Sonntag unternahm ich nun einen dritten, hoffnungsvollen Versuch, diesem Turm auf den Zahn zu fühlen, ihn endlich zu besteigen. Von Balzers stieg ich den schönen Weg zur ehemaligen Walsersiedlung Guscha hoch. Das waren rund zwei Stunden Steilwald vom feinsten. Das auf 1111 m gelegene Guscha präsentierte sich im ruhigen Sonntagsmodus und glänzte mit einer formidablen Aussicht auf den St. Luzisteig, den Fläscherberg und die im Hintergrund gelegenen St. Galler Alpen. So steil der Aufstieg war, umso gemächlicher ging es auf einer breiten Forststrasse bergab, bis ich nach ¾ Stunden plötzlich vor dem runden Guschaturm stand. Ohne Federlesens fand ich den abseits der Strasse gelegenen Eingang. Ein Schild wies darauf hin, dass sich im Turm maximal 50 Personen aufhalten dürfen. Kein Problem, dachte ich, waren doch weit und breit keine Sinnesgenossen auszumachen.

Der Guschaturm wurde während des Krimkrieges von 1853–55 erbaut. Hierbei handelt es sich um eine redimensionierte Kopie des Malakoff-Turmes der Festung in Sewastopol. Dieser erlaubte die Fernaufklärung, und bildete das Ende der Festungsmauer an der rechten Talflanke des St. Luzisteigs. Er wird auch «Hungerturm» genannt, weil das Militär 1871 dort straffällig gewordene Angehörige der internierten Bourbaki-Armee gefangen hielt und – so die Legende – vergessen haben soll. Der Bau dieser Art Wehrtürme, solche gibt es auch im Raum Bellinzona und bei St. Maurice im Wallis, war Teil eines Beschäftigungs-Programmes für die damals hungernde Bevölkerung.


Ich atmete noch einmal tief durch, denn nun sollte der Turm endlich die Moor'sche Jungfräulichkeit verlieren, umfasste den Türknauf und zog daran. Nichts. Also stiess ich gegen die Türe. Nichts. Nun drehte ich den Knauf. Nach links. Nach rechts. Leerlauf. Ich zog und drückte noch einmal. Ohne Erfolg. Die Holztüre tat keinen Wank. Mein Verstand indes, der wankte. Und wankte. Und wankte.
 
Schweren Herzens zog ich von dannen. Noch hegte ich die leise Hoffnung, dass sich auf der rückwärtigen Seite des Turms ein Eingang finden liesse. Die Hoffnung währte genau 25 Sekunden. Ein paar Minuten später trat ich aus dem Wald und blickte noch einmal zurück. Auf dem Turm wehte majestätisch die Schweizerfahne. Und da erkannte ich doch tatsächlich zwei Personen am Fusse des Fahnenmastes. Ich stand kurz davor zu kollabieren. Sollte ich wieder zurück? Konnte es sein, dass ich die Turmtüre zu bloss wenig kraftvoll aufstossen wollte? Oder benötigte man tatsächlich einen Schlüssel, um in dieses verflixte Heiligtum zu gelangen?
 
Noch einmal hochzusteigen und womöglich ein weiteres Mal zu scheitern kam für mich indes nicht infrage. Und so begnügte ich mich mit der Gewissheit, dass ich dem Guschaturm noch einmal meine Aufwartung machen werde. Schliesslich habe ich ja noch eine weitere Rechnung offen: Der Gang vom Saminatal über das Maiensäss Guscha nach Bad Ragaz.

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