23. April 2022

Schräglage mit Aussicht

Diese Woche führte mich mein Turmbesteigungsprojekt nach Steckborn am frühlingshaften Untersee. Hier steht der von 1833–35 errichtete Turm der evangelisch-reformierten Kirche. Dieser ist erfreulicherweise öffentlich zugänglich und bietet einen umwerfenden Blick auf das Altstädtchen Steckborns sowie die nähere Umgebung. Die Turmspitze befindet sich auf 50 Meter über Grund, die Aussichtsplattform in circa 35 Metern Höhe.

Das an der Innenseite der Turmmauern angebrachte hölzerne Treppenwerk weist 176 Stufen auf. Einmal oben angelangt, lässt sich der Fuss des spitzigen Turmdaches komplett umrunden. Bei schönem Wetter buchstäblich ein Hochgenuss. Wie es sich für einen Kirchturm gehört, beherbergt dieser das Uhrwerk sowie vier Glocken mitsamt dem Läutwerkmechanismus. Dem allem begegnet der Turmbesteiger, und mit etwas Glück wird er Zeuge, wenn sich die Apparatur in Gang setzt.

Kurz vor 11 Uhr begann ich den Abstieg und erlebte hautnah, wie die Kirchturmuhr 11 Uhr schlug und sich anschliessend die 647 kg schwere 11-Uhr-Glocke in Bewegung setzte. Der Vollständigkeit halber seien die drei anderen Glocken hier kurz erwähnt: Die grosse Glocke wiegt stolze 2,3 Tonnen und stammt aus dem Jahr 1524; die Betzeitglocke bringt 358 kg auf die Waage und wurde 1843 gegossen. Aus demselben Jahr stammt das mit 151 kg vergleichsweise leichte Taufglöcklein.

Die vergangenen knapp 190 Jahre sind indes nicht spurlos am dominanten Bauwerk vorübergegangen. Das Thurgauer Tagblatt berichtete im November 2019, dass der Turm 30 Zentimeter aus dem Lot sei und nun gerettet werden soll. Nachdem am 24. März 2021 die Kirchgemeindeversammlung einem Kredit für die Ausführung von Stabilisierungsmassnahmen zugestimmt hatte, begannen am 27. September 2021 die Arbeiten, die inzwischen abgeschlossen worden sind. Gemäss Auskunft des Kirchgemeindesekretariates soll 2023 der Turm renoviert werden. Dies dürfte insbesondere die Treppe und vor allem auch den Glockenstuhl betreffen.

Im Anschluss an diesen erhabenen Auftakt, widmete ich mich kurz der schmucken Altstadt mit ihren Fachwerkbauten, den zahlreichen Beizen und der lauschigen Uferpromenade, ehe es an die Überschreitung des Seerückens ging. In Felben-Wellhausen war dann Schluss, wobei ich mit Freude zur Kenntnis nahm, dass der Bahnhof, den ich seit meinem letzten Besuch von vor 13 Jahren in eher schlechter Erinnerung hatte, einen Komplettumbau erfahren hat. Es tut sich also immer mal wieder was im «Thurgau, du Heimat, wie bist du so schön».

Und wem die Reise nach Steckborn zu weit oder die Besteigung des Kirchturms zu abenteuerlich oder zu schwindelerregend ist, hier ein paar meiner Eindrücke.

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