12. März 2022

Der Hydrant von Praratoud

Vor knapp einem Jahr habe ich über mein Projekt, die Schweiz vom Genfer- an den Bodensee so oft wie möglich im Wald zu durchqueren, berichtet. Die ersten zwei Etappen absolvierte ich 2021 an einem wunderbaren April-Wochenende. Damals zog ich von Lausanne nach Lucens im Broyetal, Zeltübernachtung im Wald inklusive.

Nun machte ich mich neulich an die Abschnitte drei und vier. Ausgehend von Lucens ging ich vorerst in nordöstlicher Richtung auf der orografisch linken Talseite nach Granges-Marnand. Die Route bot einige Überraschungen. Da war einmal ein kleiner Waldsee mit einer verlassene Hütte mitsamt danebenstehendem Wohnwagen. Ein verwunschener Ort, ein «lost place» im wahrsten Sinne des Wortes. La Cabane du Bûcheron («die Hütte des Holzfällers») nennt sich die Lotterbude, wo offensichtlich einst jemand gewohnt hatte. Inzwischen haben jedoch Vandalismus und Spinnweben das Szepter übernommen.

An den darauf folgenden Waldrand grenzte ein Golfplatz, der glücklicherweise noch nicht in Betrieb war. Und nur wenige Schritte weiter wartete eine schöne Hängebrücke, die über eines der zahlreichen Tobel führt, die den Hügelrücken in Richtung Broye entwässern. Im Weiler Praratoud stiess ich am Strassenrand auf einen Gedenkstein mit der Inschrift

RECONNAISSANCE
A DIEU

EN SOUVENIR
DU BOMBARDEMENT
ANGLAIS
DU 13 VII 1943

MOBILISATION
DE GUERRE
1939 – 1945

Ein paar Meter weiter stand ein Wasserhydrant. Dies ist an und für sich nichts Aussergewöhnliches, doch das Bombardement von vor 79 Jahren und die aktuelle Situation im Osten Europas verliehen der Szene eine unglaubliche Symbolik:

Im nahen Wald wies ein Wegweiser auf einen Bombentrichter hin, der von den rund 100 Einschlägen von damals zeugt. Wie auf einer Infotafel zu lesen war, nahm General Guisan höchstpersönlich einen Augenschein von den Folgen dieses irrtümlich ausgeführten Angriffes.

Die Durchquerung von Granges-Marnand bedeutete auch die Durchquerung des gesamten Talbodens, ehe es wieder bergauf ging. Im Örtchen Torny-le-Petit hatte ich das grosse Glück, einen Brunnen mit Trinkwasser zu finden, denn der angepeilte Biwakplatz war bloss einen Kilometer entfernt. Die Nacht verlief ruhig, einmal abgesehen von mehr oder weniger bekannten Tierlauten, die mal näher und mal entfernter durch den Wald gellten.

Das über die Nacht gefrorene Kondenswasser an der Zeltinnenwand schmolz im Verlauf des Morgens dank der wiederum wohltuend durchs Geäst hindurchdringenden Sonnenstrahlen, die das Aufsteh- und Frühstücksprozedere sehr erträglich machten. Für heute standen deutlich längere Waldpartien als gestern auf dem Programm. Zwischenzeitlich wähnte ich mich im völligen Niemandsland, was meiner Vorstellung einer in gewisser Hinsicht romantischen Route durchs ansonsten dicht besiedelte Mittelland sehr nahe kam.

Von der 4. Tagesetappe scheinen mir drei Glanzlichter besonders erwähnenswert:

  1. Der Bach L'Arbogne, wie er sich in einem bewaldeten Graben mit unzähligen Mäandern broyewärts schlängelt, um kurz vor dem Murtensee in besagte Broye zu münden.
  2. Der Wohnturm des ehemaligen Schlosses von Montagny. Der stattliche Turm wurde vor wenigen Jahren restauriert und kann bestiegen werden. Da ich dieses Objekt noch nicht auf der Liste meines Turmprojektes hatte, freute ich mich umso mehr über diese Entdeckung. Die Besteigung werde ich indes zu einem späteren Zeitpunkt ausführen können, da der Turm erst im April wieder zugänglich sein wird.
  3. Die Aussicht auf die verschneiten Freiburger und Berner Voralpen von den Waldrandabschnitten aus, die das letzte Viertel der Etappe prägten.

In Donatyre, einem Dorf nahe Avenches, war dann Schluss. Zwei Minuten vor Abfahrt des Busses langte ich nach über 21 Kilometern hier an und freute mich trotz der zufriedenen Müdigkeit bereits auf das nächste Teilstück dieser bäumigen Angelegenheit. Fotos des 1. Tages gibt es hier und jene des 2. Tages hier.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen