15. Dezember 2021

Der Wanderer

von Friedrich Nietzsche

Es geht ein Wand'rer durch die Nacht
Mit gutem Schritt;
Und krummes Tal und lange Höhn –
Er nimmt sie mit.
Die Nacht ist schön –
Er schreitet zu und steht nicht still,
Weiss nicht, wohin sein Weg noch will.

Da singt ein Vogel durch die Nacht.
«Ach Vogel, was hast du gemacht!
Was hemmst du meinen Sinn und Fuss
Und giessest süssen Herz-Verdruss
Ins Ohr mir, dass ich stehen muss
Und lauschen muss –
Was lockst du mich mit Ton und Gruss?»

Der gute Vogel schweigt und spricht:
«Nein, Wandrer, nein! Dich lock' ich nicht
Mit dem Getön.
Ein Weibchen lock' ich von den Höhn –
Was geht's dich an?
Allein ist mir die Nacht nicht schön –
Was geht's dich an? Denn du sollst gehn
Und nimmer, nimmer stille stehn!
Was stehst du noch?
Was tat mein Flötenlied dir an,
Du Wandersmann?»

Der gute Vogel schwieg und sann:
«Was tat mein Flötenlied ihm an?
Was steht er noch?
Der arme, arme Wandersmann!»

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