1. Dezember 2021

Der Mohr von Flumenthal

Naturschutzgebiet trifft auf reanimierte Industriebrache: ehemalige Cellulosefabrik von Attisholz (SO).
Am vergangenen Sonntag gingen wir nicht nur an die Urne, meine Wenigkeit ging auch von Gerlafingen nach Flumenthal. Die Route führte mich entlang von Emme und Aare, hart an der Grenze zu mehr oder weniger intakten Industriezonen der gröberen Sorte. Ja, das Solothurner Wasseramt hatte in den vergangenen 25 Jahren einiges an wirtschaftlichen Verlusten zu verkraften, so unter anderem – mit etwas grosszügiger geopolitischer Auslegung – auch die 2008 endgültig geschlossene Cellulose-Fabrik von Attisholz, dessen Areal seit 2018 für die Bevölkerung wieder zugänglich ist. Was für die Stadt Thun einst das Selve-Areal war, ist für Riedholz nun die ehemalige Cellulose-Fabrik: Eine kulturelle Begegnungsstätte an der Aare, die vom gegenüberliegenden Flussufer aus betrachtet, eine für meine Begriffe eher apokalyptische Ausstrahlung hat.

Geht es nach den heutigen Eigentümern, so sollte bis 2045 eine Vision umgesetzt werden, wo sich gemäss Webseite «das Areal in einem auf das Umfeld abgestimmten, politisch tragbaren und organischen Transformationsprozess wandelt. 2045 wird sich das Attisholz-Areal zu einem eigenständigen, lebendigen Ort mit eigener Identität und Historie entwickelt haben. Vielfältige Nutzungen wie Wohnen, Arbeiten, Gewerbe, Gastronomie, Kultur und Bildung stehen allen Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen in verschiedenen Lebensphasen offen.» Na, da sind wir doch mal gespannt, was sich in unmittelbarer Nähe des kantonalen Naturschutzgebietes in den nächsten Dekaden so tun wird.

Demokratie sei Dank!
Aber ich lenke ab, denn eigentlich wollte ich an dieser Stelle darüber berichten, wie mich der Abstimmungssonntag auf einen Mohrenkopf im Wappen von Flumenthal brachte. Das kam so: Als ich durch den besagten Ort wanderte, sah ich ein Plakat mit der Aufschrift «Dieses Wochenende Abstimmung». Hierbei entdeckte ich ein kleines Wappen, das den Kopf eines Mohren zeigt. Natürlich konnte es sich nur um das Gemeindewappen Flumenthals handeln, was mir die nachträglich konsultierte Website des Fleckens auch bestätigte. Bloss: Wie kommt ein Dorf, dessen Name in keiner Weise einen Bezug zu einem Mohren herstellen lässt, zu einer derart exotischen Heraldik? – Ich fragte mich dies, weil in meinem Familienwappen ein Moor abgebildet ist, ebenso im Wappen der Aargauer Gemeinde Möriken (okay, hier wäre auch eine Möhre plausibel). – Aber Flumenthal?

Der Mohr im Wappen von Flumenthal.
Weil ich selbstverständlich nicht der Erste bin, der sich mit dieser Frage befasst, hat das clevere Dorf auf seiner Internet-Präsenz eine ganzseitige Abhandlung publiziert. Darin erfuhr ich nicht nur, dass es in der Schweiz noch weitere Gemeindewappen mit Mohrenköpfen gibt: Avenches, Mandach, Cornol und Oberweningen. Klar doch, dass hierüber schon jene Debatten geführt wurden, ob es sich hier allenfalls um eine Form von rassistischer Heraldik handelt. Im Fall Flumenthals sei indes auf folgende Herkunft verwiesen, die jedoch nicht zu 100 Prozent verbürgt ist.

Das erst seit 1940 offiziell gültige Wappen geht auf das ehemalige Vogteiwappen zurück. Es weist eventuell auf ein früheres Patrozinium hin; das heutige ist den Aposteln Peter und Paul geweiht. Vermutlich ist der Dargestellte der Heilige Mauritius, der Anführer der Thebäischen Legion, der auch die Solothurner Stadt- und Landpatrone St. Urs und St. Viktor angehörten. Die Dorfkirche wurde am 22. September 1514 am Mauritzentag von Bischof Aymon de Montfalcon geweiht, der in der Kathedrale von Lausanne eine eigene Thebäerkapelle erbauen und ausstatten liess. Ungeklärt ist nach wie vor, weshalb Mauritius als Schwarzafrikaner Eingang in die Kirchengeschichte gefunden hat, wäre er doch von seiner geografischen Herkunft eher als Nordafrikaner und somit etwas hellhäutiger zu skizzieren. 

So oder so: Einmal mehr war ich meinem wachen Auge dankbar, dass es meine Chuzpe befeuert und der Leserschaft diesen Beitrag ermöglicht hat.

Schweizer Gemeindewappen mit Mohrenköpfen (von oben links nach unten rechts): Möriken (AG), Flumenthal (SO), Avenches (VD), Mandach (AG), Cornol (JU), Oberwenigen (ZH).


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen