12. November 2021

Vom Rebbau in Innertkirchen

Kürzlich drehte ich im Haslital eine prächtige Wanderrunde. Ausgehend von Meiringen besuchte ich als Erstes den Restiturm, ein mittelalterliches Relikt aus dem 13. Jahrhundert. Anschliessend folgte ich der orografischen rechten Tallehne, stieg auf dem alten Grimselweg kontinuierlich bergan, bis ich plötzlich hinter Bäumen einen kleinen Weiher entdeckte. Ich verliess den Weg und kam an ein idyllisch gelegenes Gewässer, bestückt mit Seerosen und einem Schilfgürtel. Im Hintergrund erhoben sich schneebedeckte Berge und davor, unmittelbar hinter dem Seelein ... Das kann nicht sein, dachte ich. Das sind doch nicht etwa ...? Doch! Es waren Rebstöcke. Also nichts wie hin, das musste ich sehen. 

Ging ich bislang davon aus, dass im Berner Oberland in Faulensee und Oberhofen die Rebbaugrenze erreicht war, musste ich mich hier eines Besseren belehren lassen. Ich tat es indes gerne, denn 1. befand ich mich hier an einem wunderbar gelegenen Ort, an dem es 2. ein Forsthaus mit Brunnen gab, und 3. war der Zeitpunkt für eine Pause gerade richtig. Wie aber kommt es, dass man ausgerechnet hier, mitten im Bergwald auf immerhin 850 Meter über Meer, Rebbau betrieb?

Der Weiher beim höchstgelegenen Rebberg im Kanton Bern.
Das Ganze ist einem Naturereignis der unerfreulichen Sorte zu verdanken. Anno 1990 fegte der Sturm Vivian durch die Lande und richtete im Wald der Gütergemeinde verheerende Schäden an. Im Anschluss an die Aufräumarbeiten wurde auf der Bodenfluh ein Fest veranstaltet, und weil an diesem Tag die Sonne so richtig auf die kahle Fläche brannte, machte die Idee die Runde, dass hier in diesem Föhntal eigentlich auch Reben gedeihen könnten. Bereits 1991 wurden dann die ersten 80 Stöcke Blauburgunder (Pinot noir) gepflanzt. Und nur zwei Jahre später konnten 80 Flaschen Aeppiger Wein an die Mitglieder des Weinbauvereins verteilt werden. In der Folge kamen weitere Rebstöcke hinzu, so dass heute 850 Stöcke das kleine Plateau hoch über der Aareschlucht bevölkern. Der Ertrag liegt im Schnitt bei rund 600 Flaschen, je nachdem, wie Frost und Hagel den Schösslingen jeweils zusetzen. Der mittlere Öchslegrad beträgt 78. Jene Trauben mit dem geringsten Zuckergehalt gehen in die Brennerei und werden zu Grappa verarbeitet. Und noch etwas: Der Innertkircher Weinbauverein Aeppigen darf für sich in Anspruch nehmen, den höchstgelegenen Rebberg im Kanton Bern zu bewirtschaften.

Ein Hauch von Wallis im Haslital: der 850 Stöcke zählende Rebberg oberhalb Innertkirchens.
Die Fortsetzung meiner Wanderung führte mich in Richtung Gadmertal nach Wiler, von wo ich über Innertkirchen und dem schattigen Geissholz zurück nach Meiringen fand. Wohltuend waren nicht nur das Begehen der mitunter urtümlichen Fusswege, wohltuend war auch die Stille am Sustenpass und in Innertkirchen.

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