4. November 2021

Im Fürstentum vom Winde verweht

Was tun, wenn du am Wochenende mit dem Zelt in den Bergen wandern möchtest und der Wetterbericht einzig für das St. Galler Rheintal passables Wetter vorsieht? – Ab ins Ländle!

Von der Walsersiedlung Steg machte ich mich an den Aufstieg in Richtung Rappasteinsattel. Je höher ich kam, umso gelber die Lärchen, umso stärker aber auch der Föhn. Bei der Alphütte von Gapfahl verkroch ich mich in ein halboffenes Nebengebäude, um einigermassem vor dem Wind geschützt zu sein.

Der Schlussaufstieg zum Sattel nahm der Windböen wegen zunehmemd Expeditionscharakter an. Die Föhnstösse waren derart ungestüm, dass ich mehrere Male zu Boden geworfen wurde. Zwanzig Höhenmeter unterhalb des Übergangs legte die Windkraft noch einmal an Stärke zu. Ich schaffte es dennoch bis hoch zum Grat. Hier hielt ich mich am Pfosten eines Weidezauns fest und spähte mit einem ziemlich unguten Gefühl hinab ins 1600 Meter tiefer gelegene Rheintal.

Der anstehende ausgesetzte Pfad liess mich nicht zweimal überlegen: Ich drehte mich um und stieg zum Obersäss der Alp Gapfahl ab. Mit derart widerlichen Bedingungen hatte ich bei der Planung nicht gerechnet, also musste spontan ein Plan B her. Weil ich nicht mehr allzuweit gehen wollte, stellte sich die Frage nach dem Wasser. Das meist aus Kalk bestehende Liechtensteiner Alpenland ist relativ wasserarm und auf praktisch allen Alpen sind die Brunnen mit einem Schild «Kein Trinkwasser» versehen. Ich hielt mich an einen auf der Landeskarte eingezeichneten Bachlauf, der tatsächlich etwas Wasser führte. Ich folgte ihm in Richtung seiner Quelle und fand einen Rundschacht, der als Quellfassung dient. Welch ein Glück!

Schöne, wenn auch etwas kurze Runde im oberen Saminatal (FL)
Vorerst galt es indes, einen geeigneten Biwakplatz für mein Ganzjahreszelt zu finden. Ich stieg ein paar Höhenmeter ab und wurde auf 1790 Meter fündig. Eine Stelle, die sowohl flach als auch einigermassen windstill war, wäre hier oben einem Lottosechser gleichgekommen! In aller Ruhe und peinlich darauf bedacht, nichts von meinem Hab und Gut dem tobenden Föhn zu überlassen, machte ich mich ans Aufstellen der Stoffhütte. Kaum sass ich drinnen, drückte eine Böe das Zelt derart zu Boden, dass ich um das Karbongestänge fürchtete. Es folgten weitere Angriffe auf mein Nachtlager, diesmal aus einer leicht anderen Richtung. Ob ich die Nacht in einem intakten Zelt beenden würde?

Mir blieb nichts anderes übrig, als dem Hightech-Material zu vertrauen. Und so stieg ich also noch einmal zur Quellfassung hoch, wo ich mir 6½ Liter für Abend- und Morgenessen und den folgenden Tag holte. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: 2½ Liter hätten füglich gereicht, denn ein Kochen war unter diesen Umständen schlicht unmöglich, da selbst im Zeltinnern viel zu gefährlich. Das Abendessen bestand dann lediglich aus einem Sandwich, ebenso das Frühstück. 

Vom späten Nachmittag an lag ich also im warmen Schlafsack und lauschte dem Wind. Ich versuchte herauszufinden, ob eine sich nahende Böe erahnen liess, was ich an dieser Stelle verneinen kann. Beeindruckend war jedoch, wie sich eine solche Böe in den über mir stehenden Lärchen auswirkte: als ohrenbetäubendes Orgeln! Zwischenzeitlich kam ich mir vor, als läge ich am Anfang einer Startbahn für grosse Düsenjets und käme die volle Ladung des Startschubes ab.

Nachdem es draussen Nacht geworden war, konzentrierte ich mich auf die Intervalle der Böen. Und siehe da, die Kadenz nahm tendenziell ab. Ich muss dann eingeschlafen sein, denn als ich einmal kurz aufwachte, war viertel nach Mitternacht und der Wind nur noch ein sehr laues Lüftlein. Ein Blick auf das Thermometer zeigte mir immerhin 7° Celsius Innentemperatur. Föhn sei Dank! Ich döste dann schnell wieder weg und verbrachte eine ungeahnt ruhige und komfortable Nacht, ehe anderntags der Föhn von einer Minute auf die andere seine Arbeit erneut aufnahm.

Langsam kletterte die Sonne über den Berg und erhellte meinen Abstieg zum Untersäss. Es bahnte sich ein wunderbarer Herbsttag an. Auf einem formidablen Fussweg, wie es sie im Ländle zuhauf gibt, wanderte ich dem Abschluss des Saminatals entgegen. Mein Plan B sah vor, via Alp Gritsch zur Tälihöhe zu traversieren und von dort nach Malbun abzusteigen. Hierbei gelangte ich für eine halbe Stunde auf einen mir vertrauten Abschnitt. Ich beging ihn am 11. Oktober 2010 anlässlich der 11. Etappe meiner Wanderung vom Kanton Schaffhausen ins Bergell, die ich später in Buchform unter dem Titel «Südwärts» beschrieb. Auch damals windete es ziemlich stark und zwar so, dass mir mein Sonnenhut vom Kopf gefegt und in den unerreichbaren Steilhang verfrachtet wurde. Klar doch, dass ich den Sonnenhut nun aus Sicherheitsgründen in der Hosentasche verstaut hatte.

Bei der sogenannten «Hötta» der Alp Gritsch fand ich eine windstille Nische. Stundenhalt. Skurrile Szene dann, als vor meinen Augen plötzlich ein Fahrradhelm über den Hüttenvorplatz kullerte. Er stammte von einer grusslosen E-Bikerin, die es sich bei diesen Bedingungen nicht nehmen liess, hier hoch zu fahren ... Henu, jedem und jeder das Seine. Dem Wanderer seinen Hut, der Bikerin ihr Helm.

Die Fortsetzung gestaltete sich als genussreiche Höhenwanderung im Rückenwindmodus. Am gegenüberliegenden Grat erkannte ich den Rappasteinsattel, die Stelle meiner gestrigen Umkehr. Im Nordosten zeigte sich der Alpstein mit Säntis, Altmann und den Kreuzbergen. Und kurz vor der Tälihöhe erblickte ich am Horizont den Glärnisch und rechts daneben das imposante Massiv des Mürtschenstocks.

Vom Übergang hinab durch das sogenannte Vaduzer Täli hatte ich einen schönen Tiefblick nach Malbun, dem Gstaad Liechtensteins, das sonderbarerweise zur Gemeinde Vaduz gehört. Fegte es mich am Pass oben noch einmal beinahe weg, war es nur wenige Meter unterhalb der Scharte komplett windstill. Was für eine Erlösung! Und was für ein schöner Weg entlang des Nospitz; dies trotz der Tatsache, dass hier ein Sessellift hochführt, der das Vaduzer Täli wintersportmässig erschliesst.

In Malbun angekommen machte ich mich sogleich auf die Suche nach dem Bus. Noch einmal blies mir der Föhn um die Ohren, indes nicht mehr lange, denn die Haltestelle lag gleich um die Ecke und ein abfahrbereiter Bus stand auch schon da. Unvermittelt stieg ich ein. Trotz der zwei kurzen Wanderetappen war ich ziemlich erschöpft und liess mich nun durch die schöne Herbstlandschaft des halben Fürstentums kutschieren, ehe mich in Sargans die Schweiz wieder hatte. – Eines sei indes gewiss: Ich werde wieder kommen in dieses kleinste Land weit und breit, denn es ist in vielerlei Hinsicht sehens- und begehenswert.

Eine Bildstrecke vom ersten Tag gibt es hier, und vom zweiten hier.

Nachtrag: Wie lustig das Fürstentum mitunter tickt, erlebte ich auf der Busfahrt zurück in die Schweiz. Als ich in Malbun mein Handy einschaltete, wies mich eine Meldung darauf hin, dass ich keine Daten empfangen könne, da ich die Roamingfunktion deaktiviert hätte. Aha! Mobiltelefonietechnisch war ich also im Ausland – ausgerechnet im Fürstentum Liechtenstein, einem Land, wo der Schweizer Franken als offizielles Zahlungsmittel gilt, einem Land, dessen Fussballiga in den Schweizer Ligen mitspielt, dann aber ein eigenes Nationalteam stellt; einem Land, dessen Wanderrouten nach den Normen der Schweizer Wanderwege ausgeschildert und markiert sind; einem Land, in dem das schweizerische GA gültig ist; einem Land, in dem Migros und Denner vertreten sind und zudem mit einem Zollvertrag an die Schweiz gebunden ist. Wie dem auch sei, ich wollte mich bis in Trübbach, wo wieder heimischer Boden erreicht sein würde, gedulden. Doch dann geschah ... nichts. Mein Handy blieb hartnäckig mit Sunrise-FL verbunden. In Sargans half dann nur noch ein Neustart des Gerätes, um auch telekommunikationstechnisch wieder im Land der begrenzten Möglichkeiten angekommen zu sein.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen