26. August 2020

J.J. und sein Turm

Der Flecken Les Brenets liegt im hintersten Neuenburger Jura. Er ist mit einem sympathischen Ruckelbähnchen von Le Locle zu erreichen und grenzt, getrennt vom Lac des Brenets, an Frankreich. Über dem Ort steht auf einem bewaldeten Hügel ein Turm, la Tour Jürgensen, dem ich neulich einen Besuch abstattete. Weshalb sich ausgerechnet hier im frankophonen Teil der Schweiz ein Jürgensen-Turm befindet, weckte meine Neugier. Nun, das Geschlecht ist Dänischer Abstammung und steht im Zusammenhang mit der Uhrenindustrie.

Jules Frederik Jürgensen (1808–1877)
Der dänische Uhrmacher Jules Jürgensen erbaute den im neugotischen Stil errichteten Turm 1874. 1993 wurde der Turm von einem Verein übernommen und renoviert. Die Einweihung fand 1998 statt. 63 Treppenstufen führen auf die Aussichtsplattform in 12,5 Meter Höhe. Von dieser geht die Aussicht auf die Gemeinde Les Brenets in der Schweiz sowie die Gemeinde Villers-le-Lac auf französischem Gebiet, auf den Lac des Brenets sowie auf diverse Jurahügel. Schön und gut. Wer aber war dieser J.J., dieser Jules Jürgensen?

Beginnen wir bei seinem Vater Urban Jürgensen (1776–1830). Dieser besuchte in Kopenhagen die Handelsschule, die er mit 15 Jahren verliess, um den weiteren Unterricht bei seinem Vater fortzusetzen. Gleichzeitig nahm er bei Professor Woolf, dem späteren Staatsminister Dänemarks, Privatunterricht in Mathematik und lernte Fremdsprachen. Mit 20 Jahren schickte ihn sein Vater zur Weiterbildung in die Schweiz, und zwar für 18 Monate nach Neuenburg und für 6 Monate nach Genf. Im Jahr 1797 reiste Vater Jürgensen nach Le Locle, wo er beim renommierten Uhrmacher Jacques-Frédéric Houriet arbeitete.Von Le Locle reiste er später nach Paris, wo ihm infolge von Empfehlungen die Häuser von Abraham Louis Breguet und Ferdinand Berthoud offen standen. In dieser Zeit erhielt er von der dänischen Regierung jährlich 800 Taler als Stipendium. Später ging er zu John Arnold nach London, um sein Wissen über den Bau von Marinechronometern zu vervollkommnen. Von London aus kehrte er über Paris zurück in die Schweiz, wo er eine der Töchter von Jacques-Frédéric Houriet heiratete. 1800 wurde sein ältester Sohn Louis Urban geboren. Im gleichen Jahr erfand er das Bimetall-Thermometer, das eine Temperaturmessung mit grösster Präzision erlaubte.

La Tour Jürgensen hoch über Les Brenets (NE)
1801 kam er nach Kopenhagen zurück und gründete mit Etienne Magnin eine Gesellschaft zur Herstellung von Marinechronometern. Magnin ging kurze Zeit später nach Sankt Petersburg. Am 27. Juli 1808 wurde in Le Locle sein Sohn Jules Frederik geboren. Als Jules 15 Monate alt war, kehrten seine Eltern nach Dänemark zurück. In Kopenhagen erhielt er eine Ausbildung im Uhrenbetrieb seines Vaters und studierte zudem Mathematik, Astronomie und Fremdsprachen. Nach dem Tod seines Vaters übernahm er mit Bruder Louis Urban die Manufaktur. 1834 begab sich Jules auf eine Studienreise nach London, Paris, Genf und Le Locle. In Genf heiratete er 1835 die junge Witwe Anastasie Lavalette. 1835 eröffnete er in Les Brenets eine Uhrenfabrik, eine Filiale des väterlichen Geschäftes in Kopenhagen.

Jules Jürgensen fand mit der Herstellung von Uhren und Taschenchronometern weltweit Beachtung. Er fertigte in der Schweiz ca. 13.000 Uhren, signiert mit Jules Jürgensen Copenhagen. Sein Hauptexportland wurde die USA. Jules Jürgensen hatte nicht nur das Talent des Vaters, sondern war auch ein ausgezeichneter Geschäftsmann. 1838 erhielt er dies Schweizer Staatsbürgerschaft. Er erwarb ein großes Vermögen und kaufte 1862 das Landgut Le Châtelard in Les Brenets. 1872 zog sich Jürgensen aus dem Geschäft zurück und übergab es seinem Sohn Jules Frédéric Urban. Dieser übergab nach drei Jahren das Geschäft seinem jüngeren Bruder Jacques-Alfred. Beide waren kinderlos. 1874 liess Jürgensen in 500 Meter Luftdistanz zum Landgut den Tour Jürgensen errichten.

Vor- und Rückseite einer Jules Jürgensen Taschenuhr aus dem Jahre 1935. Die Uhr kam an einer Auktion für £ 2000 unter den Hammer.


Mit Jacqes-Alfreds Tod 1912 endete die Uhrmacherfamilie Jürgensen, die Uhrenmarke Jürgensen blieb indes bis heute bestehen. Jules Jürgensen war mit dem Physiker François Arago und dem berühmten Märchenerzähler Hans Christian Andersen befreundet. Er starb am 17. Dezember 1877 in Genf.

Ich war also nicht nur um die Besteigung eines weiteren Turmes reicher, ich erfuhr auch die spannende Geschichte seines Erbauers. Eine Bildstrecke zur Wanderung von Les Brenets nach La Chaux-de-Fonds gibt es hier.

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