17. August 2020

Brille gesucht, Katastrophe gefunden

Es musste wieder einmal sein. Meine Alltagsbrille ist in die Jahre gekommen. Die Bügel sind ausgeleiert, die Gläser zerkratzt und nicht mehr auf der Höhe der von mir benötigten Sehschärfe. Also ging ich zum Optiker meines Vertrauens und liess mir, nachdem ich im Web Stunden mit der Suche nach einer passenden Brille verbracht hatte, ein paar Modelle zeigen. Darunter auch eines der Marke «Sting», die bei meiner Recherche komplett verborgen blieb. Oh, dachte ich, nicht nur berühmte Sportler, auch ebensolche Musiker haben eine eigene Brillenmarke. Doch weit gefehlt! Die Sting-Brillen haben mit dem britischen Rockmusiker Sting etwa soviel gemein, wie ein Bienenstachel mit einer Salatschüssel.

War im Rennen für meine neue Brille: dieses Modell der Marke «Sting». (Website des Herstellers)

Ich entschied mich dann für das Modell einer anderen Marke, googelte hernach doch noch nach Sting der Brille, denn zu diesem Zeitpunkt ging ich immer noch davon aus, dass sie ein Kommerzprodukt von Sting dem Musiker sei. Die 1985 gegründete Herstellerin der Sting-Brillen, die Firma De Rigo Visio Spa, ist im italienischen Longarone (Provinz Belluno) zu Hause. Das fand ich interessant: eine Brillenmanufaktur in den Bergen der Alpensüdseite. Ich googelte also weiter, um mehr über dieses Longarone zu erfahren und stiess in diesem Zusammenhang sehr schnell auf das Datum des 9. Oktobers 1963. Damals ereignete sich dort die «Katastrophe von Longarone» (oder «strage del Vajont»).

Oberhalb von Longarone wurde vor der Katastrophe eine Staumauer gebaut. Das Aufstauen des Stausees Vajont führte sodan zu einem Bergrutsch vom Monte Toc in den See. Dieser verursachte eine grosse Flutwelle, die sich über die Mauerkrone in das enge Tal ergoss und das Städtchen Longarone, die Ortschaften Faé, Villanova, Erto sowie fünf weitere vollständig zerstörte. Bei der Katastrophe kamen etwa 2000 Menschen ums Leben. Mehr als die Hälfte der Leichen wurde nie gefunden. Die Staumauer blieb bei der Katastrophe weitgehend unbeschädigt und ist heute noch vorhanden, der See wurde allerdings nicht wieder aufgestaut, Longarone hingegen entstand wieder neu.

Die Bergflanke des Monte Toc, die am 9. Oktober 1963 ins Rutschen kam und eine Flutwelle auslöste. (Wikicommons)

Ich war ziemlich perplex, las ich doch das erste Mal von dieser Tragödie, die sich rund zwei Monate nach meiner Geburt abgespielt hatte. Und staunend nehme ich zur Kenntnis, was ein bisschen Chuzpe beim Brillenkauf ans Tageslicht fördern kann

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