12. Juli 2020

Le Roestigraben n'existe pas!

Düdingen–Freiburg: Auf Karte klicken zum Vergrössern.
Ich hätte grosse Lust gehabt, in den nächsten Zug zu steigen und wieder heimzureisen. Der Wetterbericht lag einmal mehr voll daneben. In Düdingen regnete es, und ich war, im vollen Vertrauen in die Künste der Wetterfrösche, nur mit einer dünnen Regenjacke ausgerüstet. Ohne den inneren Schweinehund zu bemühen, gab ich mir ein Rücklein und zwängte mich in die Ultraleichthaut, um wenigstens das Gröbste abgewehrt zu haben. Zu verlockend war nämlich der Inhalt dieser Wanderung von besagtem Düdingen, wo ich einst als Stationsbeamter amtete, nach Freiburg im Uechtland.

Da war zunächst das Düdinger Moos, dem ich in erster Linie des Beobachtungsturmes wegen meine Aufwartung machte, dann jedoch so etwas von positiv überrascht war, wie sich mir das Naturschutzgebiet präsentierte. Und dies in unmittelbarer Nähe der Autobahn! Da waren Teiche und Tümpel, dichter Bewuchs, Dschungel rundherum, durch den ein federnder Fussweg sich schlängelte. Vögel pfiffen, zirpten, schnalzten und Seerosen legten ihre Blätter in Gruppen auf das spiegelglatte Wasser. Schwäne zogen mitten auf einem Pfad ihre Jungen auf. Ein Durchkommen war hier unmöglich, ja schon fast lebensgefährlich. Vom Beobachtungsturm, der über drei Leitern zu besteigen war, hatte ich einen schönen Blick auf den grössten der Teiche.

In der Zwischenzeit hatte der Regen komplett nachgelassen. Den Vorhersagen nun mehr und mehr gehorchend entwickelte sich das Wetter zu dem, was mich letztlich dazu bewogen hatte, an diesem frühen Sonntagmorgen in den Sensebezirk zu fahren. Das nächste Glanzlicht kündigte sich unmissverständlich mit Wander- und Strassenwegweisern an: EINSIEDELEI. Die Magdalena-Einsiedelei in Räsch bei Düdingen wurde bereits vor mehreren hundert Jahren in die Sandsteinwände hoch über der Saane – den Schiffenen-Stausee gabe es damals noch nicht – gehauen. Sie besteht aus verschiedenen, zum Teil übereinandergelagerten Räumen mit einer beachtlichen Gesamtlänge von 120 Metern. Eine Einsiedlerwohnung wird bereits 1448 erwähnt. AB 1609 ist der «Waldbruder zu Sankt Marien Magdalenen» aktenkundig. Zur Gestaltung der Raumflucht haben jedoch vor allem die Einsiedler Johann Dupré und sein Gehilfe Johann Liecht in den Jahren 1680–708 beigetragen. Eigentümerin der Einsiedelei ist die Pfarrei Düdingen, die in den Jahren 2006/06 umfangreiche Sanierungsarbeiten hat durchführen lassen, um das kirchliche Kulturgut vor einem Einsturz zu bewahren und für die Öffentlichkeit zu erhalten. Die Einsiedelei beherbergt ein erst in jüngerer Zeit erkanntes geologisches Phänomen: Der wellenartig geformte Sandsteinboden zeugt von fossilen Sanddünen, die in einem tertiären Meer entstanden sind. Nach den Grabarbeiten zur Errichtung der Einsiedelei im 17. Jahrhundert hat die natürliche Erosion die ursprünglichen Standstrukturen wieder zum Vorschein gebracht. Ich bewegte mich also auf Sandsteindünen, die vom Vorhandensein eines Meeres in Freiburg vor ungefähr 20 Millionen Jahren zeugen. Die Lokalität wurde deshalb zu einem erdgeschichtlich schützenswerten Geotop erklärt.

Als letztes Schmankerl wartete dann die Überschreitung der Saane in luftiger Höhe auf mich. Unweit der Einsiedelei haben die Bahningenieure ein Meisterwerk der Technik realisiert: das Grandfey-Viadukt auf der Strecke Bern–Freiburg. Bei der Brücke, handelt es sich um die zweite Ausführung. Das erste Bauwerk entstand von 1857–62, war 343 m lang, 82 m hoch, war zweigleisig und bestand aus sechs auf mächtigen Steinsockeln stehenden Gitterpfeilern, die einen starken Gitterträgerbalken trugen, auf den der Oberbau der Schienen zu liegen kam. Die Spannweiten der fünf mittleren Öffnungen betrugen jeweils 48,75 m, die der seitlichen Öffnungen 43,30 m. Im Innern des Gitterträgers gab es eine Passage für Fussgänger und kleine Karren. Damit erschloss der Grandfey-Viadukt für den leichten Landverkehr eine neue Passage über die lang gestreckte und sehr unwegsame Schlucht der Saane. Für die Pfeiler wurden 1300 Tonnen Gusseisen und 700 Tonnen Schmiedeeisen (Schweisseisen) verwendet, für die Träger 1250 Tonnen Schmiedeeisen. Wegen des schwerer gewordenen Züge wurde die Brücke 1892 für einen eingleisigen Verkehr mit einem Gleis in der Mitte umgebaut und die Geschwindigkeit auf 40 km/h beschränkt.

Ansicht aus Südosten: Der erste Grandfey-Viadukt über die noch ungestaute Saane.
(Quelle: Schweizerische Nationalbibliothek auf Wikipedia)

Mit der Elektrifizierung des Schienennetzes der Schweizerischen Bundesbahnen musste die Brücke verstärkt werden, auch um die schwereren und schneller fahrenden Lokomotiven und Zugskompositionen tragen zu können. Nach einem schon beim Viadukt von Le Day realisierten Konzept des Brückenbaubüros der SBB erhielt der Grandfey-Viadukt von 1925 bis 1927 seine neue Gestalt. Dazu hatten die SBB den Pionier grosser Betonbauten in der Schweiz, Robert Maillart, als beratenden Ingenieur beigezogen. Zwischen den sechs vollständig einbetonierten eisernen Fachwerkstützen liegen weite, in Melan-Bauweise errichtete Betonbögen, über deren Scheitel der erneuerte Fussgängerweg verläuft. Die fünf mittleren Bögen weisen lichte Weiten von 42 m auf. Auf den mächtigen Hauptbögen ruht eine lange Reihe schlanker Arkaden, die das Bett der Geleiseanlagen tragen. Mit der doppelten Bogenreihe gewinnt das grosse Bauwerk eine monumentale klassizistische Form. Durch den Bau der Staumauer Schiffenen, welche 1964 beendet wurde, steht der untere Teil nun im Wasser des Schiffenensees.

Der zweite Grandfey-Viadukt aus Südosten betrachtet. Im Hintergrund die Brücke der
Autobahn A12, die sinnigerweise in nächster Nähe der Einsiedelei Magdalena vorbeiführt.
(Quelle: Freiburg Tourismus)

Das Meisterwerk aus Nordwesten gesehen mit dem Schifenensee im Vordergrund.
(Quelle: Wikipedia)
Der Gang unterhalb des Bahntrasses hat etwas Beglückendes. Weit unten strömt die Saane vorbei, über dem Kopf donnert ab und zu ein Intercity-Zug oder eine S-Bahn vorbei. Die entgegenkommenden Spaziergänger und Velofahrer grüssen mal auf Deutsch und mal auf Französisch. Der Viadukt verbindet die Sprachkulturen, sei es mit dem öffentlichen Verkehr, zu Fuss oder auf dem Velo, Röstigraben hin, Röstigraben her. Und ist einmal der imposante Geländeeinschnitt überquert, wähnt man sich in der Tat in einer leicht veränderten Welt, die weder besser noch schlechter ist, sondern abwechslungsreich und auf ihre Art wohltuend. Freilich stellt die Annäherung an das Freiburger Stadtzentrum ein ziemlich grosser Gegensatz zum exotisch anmutenden Düdinger Moos oder der düsteren Höhleneinsiedelei dar, aber genau dies macht die 10,8 km lange Wanderung zu einem unwiderstehlichen Muss für Menschen, die sich das Freiburger Mittelland als Wanderland nicht vorstellen können.

Meine zahlreichen Eindrücke dieser Tour gibt es hier.

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