8. Oktober 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 69

Diese uns übertrieben scheinende Forderung konnten wir doch nicht sogleich angehmen und glaubten etwas abmarkten zu müssen; allein er bestand darauf und schützte nun erst allerlei mehr und minder glaubwürdige Gründe vor, von denen vorher keine Rede gewesen war. Die wirklich vorhandenen Hauptursachen der übertriebenen Forderungen der wenigen, hier sich findenden Führer aus dem Ayastal über die Gletscher nach dem Zermatttal im Wallis sind: Das jederzeit Gefährliche und Mühsame des Passes selbst; ferner der oft schon eingetroffene Fall, dass die Führer, bei eingetretener stürmischer Witterung mehrere Tage auf der anderen Seite bleiben und günstigere Witterung abwarten mussten, bevor sie über die Gletscher wieder in ihre Heimat zurückkehren durften; dazu kommt, dass kein Führer allein geht, sondern dass ein jeder wegen der Rückkehr einen Kameraden mit sich nimmt, der ihm im Notfall beistehen und an den er sich mit einem Seil befestigen kann; und endlich muss noch der Umstand erwähnt werden, dass dieser Pass sehr selten und weniger von Reisenden als von Flüchtlingen besucht wird, welche diese unwegsame Gegend betreten, um vor den Nachstellungen gesichert zu sein. Besonders 1821 sollen während der piemontesischen Unruhen mehrere vornehme Edelleute ihre Flucht über diesen Pass genommen und nach glücklich überstandener Gefahr die Führer reichlich belohnt haben. So soll, noch ganz kurze Zeit vor unserer Ankunft, ein Edelmann sich hier durchgeflüchtet haben, der das Unglück gehabt hatte, seinen Gegner im Duell zu erstechen. Aus diesem Umstand nun, dass die hiesigen Führer gewohnt sind, ihre Dienste mehr den Staats- und anderen Verbrechern als hingegen ehrlichen Reisenden zu widmen, scheint man es sich ganz vorzüglich erklären zu müssen, dass sie nicht nur viel unverschämter in ihren Forderungen, sondern auch viel gewissenloser in ihren Leistungen sind, als die Führer von Breuil, an dem Hauptpass aus dem Tournenchetal über den gleichen Gletscher. Ein später anzuführendes Beispiel wird einen abschreckenden Beweis von der Gewissenlosigkeit dieser Leute geben, und die deswegen mit Absicht sehr umständlich in der Folge beschriebene Gletscherreise wird zeigen, dass gerade unsere jetzt gedungenen Führer entweder zu den unerfahrensten oder zu den gewissenlosesten gehören, denen gegenüber nachher der Führer von Breuil ein erfreuliches Beispiel ganz entgegengesetzter Art liefern wird.
Fortsetzung folgt

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