1. Oktober 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 62

Gewöhnlich machen in diesen abgelegenen Gebirgsgegenden, wo keine Wirtshäuser sind, die Herren Pfarrer auch die Wirte, was für den wissenschaftlichen Reisenden, der doch meistens in der Situation sich befindet, von einem kundigen Mann des Ortes diese oder jene Auskunft zu erhalten, von grossem Vorteil ist. Diese willkommene Übung hatte auch der hiesige Pfarrer. Wir hofften daher, zugleich mit der Wissbegierde über die Beschaffenheit der nahen, unbekannten Gebirge, auch unser dringendes Bedürfnis nach einer Mittagssuppe befriedigen zu können. Beim Eintritt aber in die kleine, angenehm gelegene und reinliche Pfarrwohnung, erfuhren wir von seiner gut Schweizerdeutsch sprechenden Hauswirtin, dass der Herr Pfarrer auf eine Alpe gereist sei, was wir umso mehr bedauerten, da wir nachher von der höflichen und gesprächigen Wirtin, während des Genusses eines sehr schmackhaften Mittagessens inne wurden, dass dieser Herr Pater, Franz Joseph Bärenfaller, vom St. Bernhard hierher gekommen war, und vor zwei Jahren schon, die hier vom Tal aus anscheinend höchste Spitze des Rosa erstiegen habe, nachdem freilich schon zwei Vorgänger ihm den Weg gebahnt hätten. Er sei nämlich mit einem Jäger abends vorher in die oberste Schafweide zum Übernachten gegangen, von da aus in der Nacht um ein Uhr aufgebrochen und in sechs Stunden auf der höchsten Spitze angelangt, wo er sich überzeugt habe, dass aus der nordöstlich weit ausgedehnten Schnee- und Eismasse noch einige Spitzen sich erheben, die wahrscheinlich noch höher seien, als diejenige, auf welcher er stand. Die einzigen Hilfsmittel, deren sich beide zur Ersteigung der steilen Eis- und Schneehalden bedient haben, seien ein Stock gewesen und für jeden nur ein Fusseisen nebst einer Axt, um Stufen in das Eis zu hauen. Am nämlichen Tag seien dann beide wieder glücklich ins Dorf zurückgekehrt.
Fortsetzung folgt

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