24. September 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 55

Zu den früher schon gemachten Bemerkungen über die Lebensart dieser Gebirgsbewohner, verdient hier noch Folgendes nachgeholt zu werden: Die starken und tätigen deutschen Weiber der Gebirge von Macugnaga, Alagna und Gressoney besorgen nicht nur die ganze beträchtliche Alpwirtschaft, wobei wir sie auch viehärztliche Operationen verrichten sahen, sondern sie versehen auch noch zugleich die Stelle der Lasttiere. Über die rauen und unbesuchten Pässe des Montemoro, Turlo, Col d'Olen und andere mehr, bedient man sich keiner Saumtiere, und weil die Männer im Sommer abwesend sind, so ist niemand da, als diese Weiber, welche die zuweilen vorkommenden Transporte verschiedener Waren, besonders auch Contrebande[1] und namentlich die Alpenprodukte auf ihrem Rücken fortschaffen, und wobei sie nicht nur sehr schwere Lasten auf sich nehmen, sondern auch im Tragen derselben sehr sicheren Schrittes und ausdauernder als die Männer sein sollen. Diese harten, sonst männlichen Arbeiten müssen aber natürlich auch einen bedeutenden Einfluss auf den Körperbau, ja, und sie scheinen einen solchen namentlich auch auf die Gesichtszüge der Weiber zu haben. Denn dass dies nicht angeboren, sondern wirklich Folge der harten Arbeit sei, beweist der Umstand, dass die jüngeren Mädchen, gewöhnlich hübsch, rund und schlank sind, während dagegen, je älter sie werden, ihre Gesichtszüge und Stimme, männlicher werden und ihr Körperbau so ungewöhnlich knochig erscheint, dass man zuweilen in Weiber verkleidete Männer zu sehen wähnt. Ebenso hat ihre Kleidung etwas Eigenes, der sonst gewöhnlichen Weibertracht ganz Entgegengesetztes und gar nicht vorteilhaft sich Auszeichnendes: Sie binden nämlich bei der Arbeit ihre schweren Schürzen nahe unter den Armen so fest zusammen, dass dadurch nicht nur aller Reiz der weiblichen Bildung verloren geht, sondern die natürliche Wohlgestalt recht eigentlich verunstaltet wird und einen ebenso widerlichen als bedauerlichen Anblick gewährt. Übrigens waren unsere Wirtinnen hier auf der Alpe Olen sehr gefällig und gastfreundschaftlich; sie wollten uns sogar ihre Lagerstätten abtreten, was wir aber natürlich nicht annahmen; teils um sie nicht zu verdrängen, teils um nicht von dem gewöhnlich in solchen Lagerstätten hausenden Ungeziefer geplagt zu werden.

[1] Schmuggler.

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