14. September 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 45

Um nun die gestern durch Nebel und Dunkelheit verlorene Aussicht einigermassen nachzuholen, eilte ich schnell wieder auf den Turlo zurück und hatte in fünf Viertelstunden die nun ganz unbewölkte, kahle Höhe erreicht. Sobald ich den jetzt hart gefrorenen, mit einer schlüpfrigen Eiskruste bedeckten Schnee betrat, dankte ich der gütigen Vorsehung, die uns gestern noch bei weicher Beschaffenheit des Schnees die steile Wand glücklich hinaufgeführt hatte. Denn heute früh wäre es ein tollkühnes Unternehmen oder eine gänzliche Unmöglichkeit gewesen, die zu Eis gewordene, dreissig bis vierzig Grad geneigte Fläche zu erklimmen. Man konnte sich auf den obersten, flachsten Stellen derselben kaum halten, ohne auszuglitschen. Die Aussicht im Allgemeinen auf dem Monte Turlo steht derjenigen auf dem Montemoro weit nach; indem die nördliche, höhere Fortsetzung des Felsgrates vom Turlo den grössten Teil des dahinter verborgenen Monterosa verdeckt. Dagegen erblickte ich in tiefer Ferne südöstlich einen See und erkannte durch das Fernrohr einige scharf begrenzte Punkte auf seiner grünlichen Fläche, welche ich ihrer Lage nach, für nichts anders als für die Boromäischen Inseln auf dem Langensee halten konnte. Die kahlen Felsen dieser Höhe bestehen aus nordwestlich eingesenktem, granitartigem Gneis, und der ganze, vom Monterosa aus, weit südöstlich sich erstreckende, acht bis zehn tausend Fuss hohe Gebirgsgrat mit seinen vielen Verzweigungen, bildet die Wasserscheide zwischen den Gewässern, welche östlich durch das Anzascatal in der Tosa, dem Tessin, und denjenigen, welche südlich durch das Tal von Alagna, in der Sesia und Dora dem Po zuströmen.
Fortsetzung folgt

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