13. September 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 44

Zu einem höchst ersehnten Nachtlager konnte man uns weder Heu noch Stroh anweisen – an Betten muss man in einer Sennhütte nur gar nicht denken –, sondern diesmal waren es Faxen, auf denen wir schlafen sollten. Dieser uns zum ersten Mal vorgekommene Name eines Nachtlagers machte uns neugierig auf die Beschaffenheit desselben, und wir fanden, sobald wir uns auf diese Faxen hinstrecken wollten, dass sie ihren Namen, um der neckenden Eigenschaft willen, die sie besitzen, wenn auch nicht ursprünglich erhalten haben sollten, doch wirklich mit vollem Recht tragen; denn wo man sie berührt, dringt ihr leichter Stich durch die Kleider auf den Leib, so dass man glaubt, in ein Nadelbett geraten zu sein. Indessen erhohlt man sich bald wieder von seinem ersten Schrecken, wenn man gewahr wird, dass diese Stiche weder tief eindringend noch schmerzhaft sind. Es sind nämlich diese Faxen (Fachsen[1]), eine Art sehr dünnen Binsengrases, welches nur auf den höchsten, ein wenig befeuchteten Felsenköpfen, beinahe ohne allen erdigen Grund, in ziemlich trockenen Büscheln wächst und samt den Wurzeln, die auch nur einen trockenen, an dem Felsen klebenden Büschel bilden, zur Streue für Menschen und Vieh gesammelt wird. Die dünnen, nadelähnlichen Halmen dieses Grases, die in einer scharfen, dornartige Spitze enden, haben die Eigenschaft, durch dünnes Zeug auf die Haut eindringend zu stechen, dann aber nicht so viel Widerstand zu leisten, um die Haut selbst zu durchdringen, sondern auf dieser sich zu biegen oder abzubrechen. Man bemerkt daher bald und benutzt den Vorteil, auf solchem Lager sich nicht viel zu rühren; denn sobald man sich bewegt und seine Lage verändert, so wird man auch wieder von neuen Halmen gestochen. Wie aber der Hunger uns die Milch zum vortrefflichen Gericht gewürzt hatte, so machte uns die Müdigkeit auch diese Faxen zum vortrefflichsten Nachtlager, auf welchem wir besser schliefen, als so mancher im weichsten Flaum. Am folgenden Morgen hatten wir die unerwartete Freude, nach einem so trüben Abend den hellsten Himmel über uns zu erblicken; was hier sehr häufig der Fall sein soll.

[1] Nach Stalders Schweizerischem Idiotikon Thl. I. S. 348 ist das Wort Fachs, Fachsen auch im Berner Oberland gebräuchlich, wo es ebenfalls eine Art schlechten Bergheus bezeichnen soll, ob auch da mit dem Nebenbegriff jenes neckenden Stechens, wie bei den Hüttenbewohnern der Falleralp, ist mir unbekannt.

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