27. September 2017

Der Narbenmann

Die vergangene Woche war anstrengend und ich dementsprechend müde. Am Samstag legte ich mich denn auch bereits um 17.30 Uhr schlafen; nach beschaulicher Wanderung und unerbittlichem Kampf gegen die Mücken in einem Wald unweit des Reuss-Städtchens Mellingen. Über die Baumwipfel hinweg donnerten im Zwei- bis Dreiminutentakt Passagierflugzeuge Richtung Westen. Ab und zu furzte ein Kleinflugzeug oder ein Helikopter dazwischen. Das untere Reusstal ist fürwahr kein Ort der beschaulichen Ruhe, und der Kanton Aargau macht hier, im Dreieck Lenzburg – Baden – Wohlen, seinem Ruf als Überflug- und Durchfahrkanton alle Ehre.

Selbst als Nachtaufenthalter im Wald blieb ich bis zum Einnachten vor Pferdegetrampel, Kindergeschreie und Hundegebelle nicht verschont. Doch dies zählte nicht, denn vielmehr hoffte und wollte ich, dass mich niemand entdeckte. Für einmal war ich mit einem Innenzelt und einem Tarp von 3 auf 3 Metern unterwegs. Dies als Test für längere Unternehmungen. Ich beabsichtigte herauszufinden, ob sich bei Regen ein genügender Schutz bietet und ob die Temperatur, im vor allem aus Moskitonetz bestehenden Zelt, nicht zu stark absank. Ich hatte soeben meine temporäre Versuchsanlage für die Nacht aufgebaut, da kam bereits ein Mann mittleren Alters dahergeschlichen. Sein gelegentliches Bücken verriet mir, dass er auf Pilzsuche war. Langsam näherte er sich und sprach mich in gebrochenem Französisch an. Und er wollte nicht etwa wissen, was ich hier treibe, unumwunden begann er von sich zu erzählen.

Schlafanordnung für eine Nacht. Und es hat funktioniert!

Er stamme aus Portugal und arbeite bei einem Gemüsebauer in der Nähe. Zehn Stunden am Tag bei 3000 Franken Monatslohn. Eine Plackerei sei das und die Schweiz «tres, tres chère». Und er sollte diesen Satz noch geschätzte zehn Mal wiederholen, ehe er sich von mir verabschiedete. Vor einiger Zeit habe er einen Motorradunfall gehabt und sei acht Monate ausser Gefecht gewesen. Flugs krempelte er sein rechtes Hosenbein hoch und zeigte mir alle seine Narben und ein leicht angeschwollenes Knie, das er seit den Operationen nicht mehr richtig biegen kann. Dementsprechend schmerzhaft sei für ihn das Bücken während der Arbeit, davon könne auch sein Rücken ein Liedchen singen. Ende Monat fahre er zurück nach Portugal, wo der Verdienst schlecht, aber das Leben viel, viel billiger sei als in der Schweiz. Ob er je wieder einmal hierher zum Arbeiten komme, wisse er nicht. Vermutlich nicht, denn, die Schweiz sei zwar ein schönes Land, «mais tres, tres chère».

Das mantramässig vorgetragene Lamento des Saisoniers zeigte mir auf, wie ungemein besser meine wirtschaftliche Situation ist. Ich verfüge über ein geregeltes Einkommen, das mir erlaubt, sorgenfrei leben zu können. Die Begegnung mit dem Portugiesen stimmte mich glücklich und nachdenklich zugleich.

Mitten in der Nacht wachte ich auf. Meine Blase meldete sich. Der Flugverkehr hatte mittlerweile seinen Betrieb eingestellt, da und dort knackte es im Unterholz. Ich puhlte mich aus dem Schlafsack und ging nach draussen. Noch ehe ich zum erlösenden Strahl ansetzen konnte, streifte der Lichtkegel meiner Stirnlampe einen Feuersalamander. Unvermittelt stellte er sich tot. Welch schönes Tier! Und dies in unmittelbarer Nähe meiner Schlafstätte.

Anderntags widmete ich mich der Begehung weiterer Gemeinden des Freiamts: Stetten, Künten, Bellikon, Eggenwil, Fischbach-Göslikon, Niederwil und Wohlen. Allesamt katholische Dörfer, bestückt mit zum Teil stattlichen Pfarrkirchen unterschiedlicher Epochen. Bereits am Samstag durchmass ich kommunales Neuland: Ausgehend von Lenzburg konnte ich Othmarsingen, Wohlenschwil, Niederrohrdorf und Stetten von der Pendenzenliste streichen.

Nicht, dass nun der Verdacht aufkomme, ich hätte auf dieser ¾-Rundwanderung im Tunnelblick-Modus die Gegend abgeklappert und mich permanent über den Verkehrslärm geärgert. Weit gefehlt! Hier der Gegenbeweis in Form einer Liste meiner Glanzlichter:
  • Am Ortsrand von Lenzburg gingen wir durch das Gelände des 34. Zentralschweizerischen Jungtambouren- und Jungpfeiferfest. Es trommelte an allen Ecken un Enden, dabei hatte der Wettkampf noch gar nicht begonnen.
  • Am Autobahnzubringer zur A1 besuchten wir das römische Theater, dessen Grundmauern wieder hergestellt worden sind. Hier würde ein Musik-Openair gut hinpassen. Heavy Metal versus Heavy Traffic.
  • Im anschliessenden Lindwald machten wir einen kurzen Abstecher zum grossen Römerstein, einem imposanten Findling, der einst vom Reussgletscher hierher vefrachtet worden war und den Bearbeitungsspuren zufolge auch zum Bauen verwendet wurde.
  • An der Gemeindegrenze Othmarsingen/Mägenwil erspähte ich einen historischen Stein, der bis 1798 die Grenze zwischen dem Berner Aargau und der Grafschaft Baden markierte.
  • Im Weiler Igelweid schauten wir kurz im Genussladen von Sabine und Lukas Meier rein und kauften Rindswürste und eine Flasche Villnacher Blauburgunder Spätlese von 2012.
  • Gut gefallen hat mir auch das Altstädtchen von Mellingen. Die unmittelbare Lage an der Reuss verleiht dem Flecken einen Hauch von grosser weiter Welt.
  • In Stetten lotste ich am Sonntagmorgen eine ältere Frau durch eine für Fussgänger gesperrte Baustelle. So erreichte die Dame den Beginn der Messe doch noch.
  • In Künten war ich beeindruckt und angewidert zugleich von der strengen Architektur der katholischen Pfarrkirche.
  • Nach einem steilen Aufstieg nach Bellikon war ich froh um die Toilette in der Rehaklinik. Selten habe ich mich nach einer Biwaknacht derart gediegen und hygienisch einwandfrei erleichtert.
  • Im Zentrum von Eggenwil hielt ich am schön gestalteten Dorfplatz Rast; im Hintergrund, der vor wenigen Tagen wiedereröffnete Sternen, dessen Wirtshausschild mir ausnehmend gut gefiel.
  • Der Pfad entlang der mäandernden Reuss führte mich durch dschungelähnlichen Bewuchs und stellte eine bereichernde Abwechslung im Setting meiner Route dar.
  • In Sulz bestieg ich eine der wenigen Fähren im Kanton Aargau. Weil mir der Fährmann auf meine 50er-Note nicht herausgeben konnte, gondelte ich umsonst über die Reuss. Ich bedauerte meine monetäre Fehlplanung und versprach ihm, ein wenig Werbung für die Fähre zu machen.
  • In Wohlen stattete ich der monumental wirkenden Pfarrkirche einen Besuch ab. Der Ortskern machte auf mich einen sonderbaren Eindruck. Mir schien, als sei hier die Zeit in den 1970er-Jahren stehen geblieben. Einzig am Bahnhof deutete der Coop-Pronto-Shop darauf hin, dass dem nicht ganz so ist.
Die Fotos des ersten Tages gibt es hier und eine Bildstrecke vom Sonntag hier.

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