11. Oktober 2014

Das ist also ein Visierstollen

Kürzlich entdeckte ich am Bahnhofplatz von Göschenen ein Schild mit der Aufschrift Visierstollen. Eine Treppe führte hinab zu einem Felseingang. Ich stieg runter und fand mich unvermittelt in einer Ausstellung über den Bau der Gotthardbahn, dessen Geschichte auf unzähligen Infotafeln erläutert wurde. Bevor ich mich auf den anschliessenden Stollengang machte, las ich, was mit dem niedrigen Loch überhaupt auf sich hat.

Hinter dem Eingangsbereich folgt der Stollen. Grosse Gestalten werden sich bei der Begehung da und dort bücken müssen.

Die vermessungstechnischen Möglichkeiten erlaubten beim Bau des Gotthardbahntunnels lediglich die Absteckung eines geraden Tunnels. Im Portalbereich Airolo, wo ein erstes Tunnelstück im Boden liegt, musste für die Absteckung als Verlängerung der Tunnelgeraden ein Richtstollen gebaut werden. Die Bauleitung hatte sich verpflichtet, dem Unternehmer Favre in Abständen von zwei Kilometern in der Achse liegende Punkte zu bestimmen, auf die sich der Unternehmer für die Absteckung des Vortriebs stützen konnte. Für diese Hauptabsteckung wurden an beiden Portalen auf der verlängerten Tunnelachse (siehe Karte unten) Obervatorien erstellt. Die Tunnelrichtung wurde von speziell eingerichteten und ins Triangulationsnetz eingemessenen Visieren übernommen. In Göschenen mussten für die Sicht auf diese Visiere extra ein Visierstollen ausgebrochen werden. Bei der Messung wird der Theodolit auf die Visiere eingestellt und anschliessend das Fernrohr durchgeschlagen. Dann werden beleuchtete Zielmarken in diese Richtung eingewiesen. Die vorgesehenen Visurweiten von zwei Kilometern waren wegen Staub Rauch, Russ und Wasser wesentlich kürzer. Die Kommunikation zwischen den Messstandorten war ein grosses Problem. Eine Erleichterung wurde erst mit der Einführung von Telegraphen erreicht. Für die Messeinsätze mussten Einbauten wie Gerüste und Lehrbogen entfernt werden. Die Tunnelarbeiten wurden während diesen Kampagnen tagelang massiv behindert und Favres Unternehmung brachte dafür wenig Verständnis auf.

Das andere Ende des Stollens oder: der Blick zurück. Die Betonplatte gehört zum Strassenfundament der Kantonsstrasse, die durch Göschenen führt. Im Rücken des Fotografen bricht eine Felswand zur Göschenerreuss ab.
Über den Bau des Visierstollens ist leider nicht viel bekannt, denn wie bei den meisten der Triangulationsobjekte, die für den Bau des Tunnels gebaut oder errichtet wurden, war auch der Visierstollen nur ein Mittel zum Zweck. Allerdings ist dieser im Gegensatz zu den meisten anderen Objekten sehr gut erhalten und noch immer in fast ursprünglichem Zustand. 125 Jahre nach Eröffnung der Gotthardbahn ist der Visierstollen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden, um den Pioniergeist von damals wieder aufleben zu lassen. (Abschrift der Infotafel im Visierstollen)

Der Visierstollen in Göschenen ist von Mai bis Oktober täglich von 8 bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei, die Begehung erfolgt auf eigene Gefahr.

Der Visierstollen als durchgehende Linie, gepunktet die Tunnelachse des Gotthardtunnels, der am unteren Kartenrand beginnt.

1 Kommentar:

  1. Freue mich sehr, dass du über den Visierstollen schreibst. Die Visierlinie geht aber noch weiter bis an den Hang hinter der Kirche. Denn die musste so lang wie möglich sein, denn der Tunnel ist 15 Kilometerlang - und da bedeutet jeder Millimeter Abweichung in der Visierlinie gleich ein Duzend Zentimeter in der Tunnelachse...

    liebe Grüsse vom Muger
    http://dermuger.blogspot.com/2011/09/ausgeflugelt-durch-den-berg-gucken.html

    AntwortenLöschen