16. Februar 2014

Mäuchnou

Als ich das letzte Mal im bernischen Melchnau unterwegs war, schrieb man den 12. März 1990. Nun also gestern ein Wiedersehen mit dem in den Oberaargauer Hügeln eingepassten Dorf hart an der Grenze zum Kanton Luzern. Wir starteten in Gutenburg, überquerten den Hügelzug, um nach Melchnau zu gelangen, von wo die Route via Gondiswil nach Huttwil führte.

Am 22. Mai 1982 wurde der Bahnverkehr zwischen St. Urban und Melchnau stillgelegt und durch Busse ersetzt. Weil der Abschnitt ab und zu für Sonderzüge genutzt wird, sind Geleise und Fahrleitung immer noch vorhanden. Der Melchnauer Bahnhof ist von einem Reisemobilhändler und der Raiffeisenbank in Beschlag genommen worden. Der Ort erweckt auch anderswo den Eindruck, bessere Zeiten gesehen zu haben. Etliche Geschäfte und Restaurants sind geschlossen, wurden durch kunsthandwerkliche Einzelkämpfer in Ateliers umfunktioniert oder beherbergen statt dem Végé-Lädeli einen Tatzenshop mit Therapieangebot für den lädierten Vierbeiner.

Doch wir sahen auch anderes:
  • Ein anthroposophisch-futuristisch gestyltes Einfamilienhaus in prominenter Lage.
  • Den Käserstock, ein herrschaftliches Haus von 1756.
  • Den öffentlichen Kinderspielplatz mit einer ausrangierten Strassenwalze der Langenthaler Steueroptimierungsspezialfirma Ammann.
  • Die habliche Käserei mit schönen Ründemalereiein.
  • Das im barocken Landhausstil erbaute Pfarrhaus.
  • Die über 300jährige Kirche und ihre zwei Bankreihen für Schwerhörige mit Hörgeräten, dem Aussehen nach aus den 1950er Jahren. Der Ohrschmalz an den Höhrmuscheln ist nichts für Leute mit einem Hygienefimmel.
In Melchnau (BE) ziert eine ausrangierte Strassenwalze der Firma Ammann den öffentlichen Spielplatz.
Und oh, nicht zu vergessen, die grosse Deutschlandfahne an der Fassade eines stattlichen Hauses. Derlei Fahnen sind hierzulande in der Regel eine rare Sehenswürdigkeit. Ich interpretierte den Aushang als Protestnote wegen der vom Schweizer Stimmvolk angenommenen Initiative gegen die Masseneinwanderung. Ein mutiges Unterfangen in einer Gemeinde mit einem Ja-Stimmenanteil von 58,4%. Eine kleine Bildstrecke dokumentiert den opulenten, 20minütigen «Mäuchnou»-Durchmarsch.

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