29. Dezember 2013

Scherz, Herz und Bohnerz

Gestern führte die Fussreise von Lenzburg via die Schlösser von Wildegg und Brunegg nach Birr und von da weiter über Scherz nach Brugg. Sechs Dinge haben die Route geprägt.
  1. Das prächtig gelegene, barocke Schloss Wildegg mit seinen Gärten. Im Winterhalbjahr ist es zwar geschlossen, vom 1. April bis 31. Oktober indes der Öffentlichkeit zugänglich.
  2. Der Gratweg über den Chestenberg, einem Abkömmling des Kettenjuras. Der Pfad erinnerte mich an jenen über die Lägeren, allein, dass er weniger lang und weniger ausgesetzt ist, dafür aber den besseren Alpenblick gewährt und erst noch mit einer 3000 Jahre alten Bronze-Siedlung bestückt ist.
  3. Am Kretenende des Chestenbergs hockt das Schloss Brunegg. In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts als Sitz habsburgischer Dienstleute erbaut, diente es zur Zeit der Berner Herrschaft als Wachtposten, wurde 1805/06 zur Krankenanstalt umgebaut und später von der Familie Hünerwadel als  Sommersitz genutzt. Heute ist das Schloss im Besitze der Familie von Salis.
  4. Das Grabdenkmal Heinrich Pestalozzis an der Fassade des alten Schulhauses in Birr, errichtet durch den Kanton Aargau aus Anlass des 100. Geburtstages Pestalozzis. Dieser verstarb im Alter von 81 Jahren im nahen Brugg und wurde in Birr bestattet.
  5. Ein kleines Dorf namens Scherz, dessen Einwohner sich nach meinem logischen Dafürhalten bestimmt Scherzer nennen. Meine Abklärungen haben ergeben, dass sich die Bezeichnung vom alteuropäischen Wort Skarantia ableitet, was «Ort mit steinigem Boden» bedeutet. Auf Scherzer Boden, am Scherzberg, wurde vom 16. Jahrhundert bis 1770 Bohnerz abgebaut. Davon zeugen angeblich noch heute etliche Mulden, Abraumhalden und begehbare Stollen. Eine weitere Besonderheit stellt das Scherzer Wappen dar. Zeigt dieses ein Herz mit drei Federn oder eine Runkelrübe mit drei Blättern? Die Heraldiker sind sich – kein Scherz – bis heute nicht einig.
  6. Ein unscheinbarer Steinquader bildete den Abschluss dieser 17-km-Wanderung. Er steht im Wald des Galgenhübel und war einst Bestandteil der hier vorhandenen Richtstätte des Amtes Königsfelden (Eigenamt).  In der Zeit vom 16.bis 18. Jahrhundert wurden 25 Todesurteile wegen Totschlagdelikten, schweren Diebstählen, Sexualverbrechen, Brandstiftung und Gotteslästerung ausgesprochen. 19 davon wurden mit dem Schwert, dem Strang, durch das Feuer oder mittels Rädern auch ausgeführt. Die letzte Hinrichtung auf dem Galgenhübel erfolgte am 17. Juli 1806. Die 36-jährige Barbara Obrist von Riniken hatte ihren 64-jährigen Gatten Caspar vergiftet. Das Todesurteil wurde öffentlich vor einer grossen Zuschauerschar mit dem Schwert vollzogen. Über Richtstätten im Kanton Aargau habe ich bereits an dieser Stelle berichtet.


Schloss Wildegg (AG).

Lägeren light: der Gratweg über den Chestenberg zwischen Schloss Wildegg und Schloss Brunegg.

Schloss Brunegg (AG).
Grabstätte Heinrich Pestalozzis in Birr (AG).

Ziemlich scherzloser Vorplatz der Scherzer Gemeindeverwaltung.


Stein des Grauens: Fundament eines Pfostens oder Pfeilers des Galgens auf dem Galgenhübel bei Brugg (AG).

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