17. Juni 2013

Kretinismus auf dem Abendberg

Därligen–Abendberg–Saxeten–Wilderswil. Diese Route ging ich vergangenen Samstag und empfehle sie hiermit wärmstens. Vom Thunersee über den Ausläufer des Därliggrates ins Saxettal und daselbst dem ominösen Saxetbach entlang hinunter nach Wilderswil. Den Aufstieg zum Abendberg legte ich im Waldschatten zurück. Es wartete ein Bergweg mit Ketten- und Stahlseilsicherungen und atemberaubenden Blicken auf den Thunersee, das Bödeli, das Saxettal und die Ewigschneeberge der Jungfrau-Region. Auf dem Abendberg steht ein ehemals gediegener Hotelkasten. Er ist zwar noch bewohnt, und dem Wanderer werden auf Wunsch Getränke in Pet-Flaschen serviert. Das Anwesen macht freilich einen ziemlich desolaten Eindruck. Darüber mag auch der umfassende Panoramablick nicht hinweg täuschen. Dennoch betätigte ich die Klingel, verlangte nach dem Service und machte es mir bei einem Rivella rot und vier vierbeinigen Katzen unter einer Platane gemütlich.

Fahrzeuglastig: Auf der Nordseite des ehemaligen Kurhotels stehen unzählige Motorfahrzeuge herum. Weshalb?

Romantisch: Die ehemalige Kurhausterrasse auf dem Abendberg lädt zur gemütlichen Rast.

Sympathisch: Nach schweisstreibendem Aufstieg auf den Abendberg, ein kühles Getränk vom Gastgeber und ein Sandwich aus dem eigenen Rucksack.

Der Abendberg ist eng mit dem Schweizer Arzt Johann Jakob Guggenbühl verknüpft. Er widmete sich im 19. Jahrhundert dem Kretinismus, einer angeborenen Schilddrüsen-Fehlfunktion, der sogenannten Hypothyreose. Guggenbühl gründete auf dem Abendberg eine Heilanstalt für an Hypothyreose erkrankte Kinder. Der Arzt ging davon aus, dass die Ursache der Krankheit in regionalen, klimatischen Bedingungen sowie schlechten hygienischen Zuständen zu suchen sei. Mittels Höhenluft, Reinlichkeit, Diät, medizinischer Behandlung sowie richtiger Erziehung, wollte Guggenbühl auf dem Abendberg dem Kretinismus beikommen. Eine Fehleinschätzung, wie spätere Forschungen und Behandlungsmethoden zeigten. Dennoch machte sich damals der Abendberg in der Ärzteszene einen namhaften Ruf.

Bevor Guggenbühl  ab 1841 den Abendberg für seine Zwecke nutzte, bestand eine landwirtschaftliche Versuchsanstalt. Später entstand ein Kurhaus mit über 30 Zimmern. Die Gäste gelangten auf einem zweistündigen Maultierritt zum Abendberg hoch. Nach der Blütezeit in den 1940er-Jahren verlor der Ort mehr und mehr an Bedeutung. Eigentlich schade, denn die ausserordentlich ruhige Lage wäre prädestiniert für ein Romantikhotel im wahren Sinne des Wortes.

Niedlich: Eine der unzähligen, zutraulichen Katzen auf dem Abendberg.

Prominent: Die Aussicht von der Abendberger Kurhausterrase bietet unter anderem die Schynige Platte, das Schreckhorn sowie die Eigernordwand und den Mönch.

Desolat: Das ehemalige Kurhaus auf dem Abendberg ist in einem miserablen Zustand. Im Vordergrund der ehemalige Speisesaal. Er dient heute als Abstellkammer für allerlei Krempel.

Empfehlenswert: Die Bergwanderung von Därligen nach Wilderswil verläuft meist im Wald, bietet aber trotzdem zahlreiche Ausblicke in alle Richtungen und einen Weg, der mitunter Trittsicherheit und eine kleine Portion Schwindelfreiheit erfordert.


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