3. Juni 2013

Irrenanstalt und Überlandtram

Schade, gibt es für antiquarisch erstandenes Gut wie Bücher und Karten keine History-App, ein Computerprogramm also, dass mir darüber Auskunft gibt, durch welche Hände der Gegenstand bereits gegangen ist, in welchen Regalen, Kisten und Schubladen er jahrelang vor sich hin wartete, bis ihn jemand ins Brockenhaus oder Buchantiquariat gebracht hat. Als häufiger Gast in den oft mit klassischer Musik beschallten Räumen bibliophiler und kartografischer Genüsse, stelle ich mir die Vergangenheitsfrage immer mal wieder. Zuletzt im Thuner Hiob, als ich für zwei Franken eine Touristenkarte für den Kanton Schaffhausen erstand.

Gekonnt umgesetzte 1940er-Jahre-Typografie mit
einer Mischung aus Grotesk- und Frakturschrift und
einem bitteren Dritte-Reich-Beigeschmack.

Allein die typografische Aufmachung des Umschlages gefiel mir derart, dass ich ohne einen Blick in das Blatt zu werfen, den Kaufentschluss fasste. Selbstverständlich faltete ich zu Hause den 74 x 75 cm grossen Lappen auseinander. Statt des erwarteten Modergeruchs schwappte mir eine süssliche Parfümwolke entgegen. Zu meiner Freude war die Karte in tadellosem Zustand, ja, so schien mir, sie wurde wahrscheinlich gar nie gebraucht.

Da schlägt das Nachkriegs-Touristenherz höher:
Eine Karte im Massstab 1:50'000 zeigt empfohlene Wanderrouten.

Sogleich machte ich mich an die Lektüre, denn Karten, egal welchen Alters, sind wahre Geschichtsbücher. So ist zum Beispiel die damals noch rege frequentierte Überlandtramlinie Schaffhausen–Schleitheim–Stühlingen (D) eingezeichnet. Auf dem gezeigten Ausschnitt ist sie mit Querlinien dargestellt. Das ehemalige Kloster Rheinau ist mit Heilanstalt betitelt, die neueren Gebäude mit Irrenanstalt. Heute absolut undenkbare Begriffe. Vom deutschen Singen nach Beuren ist eine Normalspurbahn ersichtlich, von der ich bislang nichts gewusst habe. Und dreimal darf man raten, ob es damals in der Region schon Autobahnen gab.

Interessant auch die Legende zu den in brauner Farbe gedruckten Wanderrouten: Empfehlenswerte Wanderwege (teilweise markiert). Aufgrund des erst kürzlich zu Ende gegangenen Zweiten Weltkrieges war in der unmittelbaren Zeit danach das Wanderwegnetz noch nicht wieder vollständig auf Vorkriegsniveau instand gestellt. Die Wanderinfrastruktur war damals nicht derart durchorganisiert wie dies heute der Fall ist. Viele Überlandstrassen wiesen überdies weder ein grosses Verkehrsaufkommen noch Hartbelag auf, weshalb sich der Gang zu Fuss nicht selten auf diesen Strassen abspielte.

Das im Massstab 1:50'000 gehaltene Blatt basiert übrigens auf der Siegfriedkarte im Massstab 1:25'000 und wurde am 13.12.1946 von der Eidgenössischen Landestopographie zum Druck frei gegeben.

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