29. Dezember 2012

Die Piraten von Ouchy

Wenn über die Festtage das Berggebiet für das Abfeiern von Ski- und Après-Ski-Orgien in Beschlag genommen wird, sind Gegenden wie das Lavaux am Genfersee formidable Gegenpole. Und wenn, wie heute, das Klima schon mal den Vorfrühling testet, dann erst recht. Also machte ich mich am Lausanner Bahnhof auf den Weg und folgte ab Pully einem Weinlehrpfad, der mich auf überraschend gut markierter Route nach Epesses führte. Hierbei lernte ich zwar nichts über den Rebbau – das Lesen von Tafeln auf Lehrpfaden ist mir ein Greuel –, vielmehr erfuhr ich Bemerkenswertes anderer Natur:
  1. In Ouchy gibt es seit 1934 eine Bruderschaft, sie nennt sich «Les Pirates d'Ouchy» und verfügt mit der «Vaudoise» sogar über ein eigenes Schlachtschiff.
  2. Die Einwohner von Ouchy sind übrigens die «Oscherines» und Ouchy gibt sich stolz als «Comune libre et indépendante» – freie und unabhängige Gemeinde. Ouchy ist also Ouchy und nicht etwa ein Lausanner Quartier.
  3. Etwas Kleines schnappte ich dennoch von einer dieser Lehrpfadtafeln auf: die verschiedenen Bezeichnungen für die im Lavaux vorherrschenden Winde. Der «Jaman» aus Westen, der «Vaudaire» aus Südwesten, der «Bornan» aus Süden, der «Vent» aus Südosten, der «Vent Blanc» aus Osten und die «Bise» aus Norden. Heute war übrigens windstill.
  4. Wer die Route winters begeht, nehme genügend Tranksame mit, denn – paradox, paradox – es fehlen dem Weinbaugebiet die Restaurants! Weder in Riex noch in Epesses war da eine Kaschemme auszumachen. Das «De la Poste» in Grandvaux war mir zu nobel, das «Café» in Riex geschlossen und in Epesses, wo ich vergeblich hoffte, auf Phil Collins zu treffen (der soll angeblich hier leben, doch bei der nachträglichen Recherche stellte sich heraus, dass er in Féchy wohnt ...), war auch tote Hose. Statt dessen sind die Gässchen, Gassen, Höfe und Hinterhöfe der Winzerorte voller Kellereien. Aber ausgerechnet heute war keine einzige geöffnet. Selbst die Brunnen hatten temporäre Dürre. Im Winter wird der Hahn zugedreht, im Lavaux regiert manchmal Väterchen Frost.
Der Beweis: die Piraten von Ouchy gibt es tatsächlich. Sie residieren übrigens in der Gemeindeverwaltung.

Ein wenig Winterdadaismus dann doch noch. In Ouchy vor dem Sitz des IOC.

Kleine lemaneske Windlehre.


Von Epesses stieg ich den Rebberg hoch und gelangte über die berühmte Geländekante von Chexbres zum Bahnhof Puidoux-Chexbres. Berühmt deshalb, weil der Bahnreisende kurz nach Passieren des Bahnhofs in einem Tunnel verschwindet und wenig später unvermittelt und meist unvorbereitet hoch über dem Lavaux das Tageslicht wieder erblickt, nun aber eine völlig anders geartete Landschaft vorfindet. Der Trick funktioniert auch zu Fuss und selbst in umgekehrter Richtung. Am Bahnhof von Puidoux-Chexbres lernte ich schliesslich, dass auch hier keine Wirtschaft auf müde Wandererbeine wartet. Das Beste waren dann die letzten wärmenden Sonnenstrahlen, wie sie über die erwähnte Kante streiften und die dreiviertelstündige Wartezeit auf liebliche Art erträglich machten.

Ein Hauch Copacabana am Genfersee. Blick Richtung SSW nach Frankreich.

 

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