5. Mai 2020

Schönes Schandfleckwandern

Vorgestern ging ich von Laupen nach Mühleberg. Und wer Mühleberg hört, denkt unweigerlich an das Kernkraftwerk. Nun, dieses steht glücklicherweise seit dem 19. Dezember 2019 still und wird in den kommenden Jahren komplett zurückgebaut. Noch weiss niemand, wo in der Schweiz der verbleibende radioaktive Abfall dereinst entsorgt werden wird, was einmal mehr beweist, wie hirnrissig das Geschäftsmodell KKW im Grunde genommen ist.

Frei nach dem Motto: «Wandert zum Kernreaktor, solange es ihn noch gibt», machte ich mich in Laupen auf den Weg, folgte dem Saanelauf bis zur seiner Einmündung in die Aare und unterquerte zuvor einen weiteren Schandfleck in dieser ansonsten wunderbaren Flusslandschaft mit ihren unvergleichlichen Auenwäldern: der Betonviadukt der Autobahn A1. Einmal beim KKW angekommen, war von aussen noch wenig von einem Rückbau zu sehen. Irgendwo zischte es ununterbrochen. Weit und breit keine Menschenseele. Der Korridor zwischen äusserem und innerem Sicherheitszaun erinnert unweigerlich an die Zeiten des Eisernen Vorhangs. Jeder zweite Lichtmast ist mit einer weitwinkligen Videokamera ausgerüstet. Ein Wunder, dass dem Gelände entlang ein frei begehbarer Wander- und Veloweg führt.

Gigantisch dann auch der Parkplatz für die Angestellten und Besucherströme. Wenige Meter weiter zeugen indes nur noch ein paar Hochspannungsleitungen von dem komatösen Stromerzeuger. Eine halbe Wegstunde später dann das Mühlebergwerk. Was nach Bergwerk klingt, ist freilich ein imposantes Stauwehr, betrieben von derselben Gesellschaft, die sich nun mit dem Rückbau ihres KKW beschäftigt – den Bernischen Kraftwerken BKW. Im Vergleich zum Kernkraftwerk hat das Stauwehr etwas Menschliches. Hier ist schnell mal erklärt, wie die Stromproduktion vonstatten geht. Beinahe jedem Kind ist klar, was geschieht, wenn ein Bach gestaut wird: Es entsteht ein See. In diesem Fall ist es der Wohlensee, den ich allerdings verliess und nach dem beschaulichen Dorf Mühleberg aufstieg, wo weder vom kurzlebigen KKW noch vom praktisch für die Ewigkeit gebauten Flusskraftwerk etwas zu sehen ist. Die umfangreiche Fotostrecke dieser knapp 18 Kilometer langen Wanderung gibt es hier.

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