5. November 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 96

Als wir auf der Höhe des Passes, auf dem nackten Felsen hin und her spazierend, unseren Atem und Puls beobachteten, bemerkten wir auch nicht im Geringsten eine vermehrte Beschleunigung oder irgendein beängstigendes Gefühl, wie solches schon viele Bergsteiger, selbst auf geringeren Höhen bemerkt haben wollen. Die Aussicht von dieser Höhe ist ganz einzigartig und lässt sich mit keiner der früher überstiegenen Scheidecken vergleichen. Östlich und westlich erblickt man über die Schneefelder hinweg einen weit entfernten Kreis von nackten, kahlen Felshörnern und Schneegebirgen, alle von so beträchtlicher Höhe, dass kein grünes Plätzchen darauf zu bemerken ist. Alle näher liegenden, tieferen Gebirge und Täler sind dem Auge durch den hohen Vordergrund entzogen. Südlich erheben sich terrassenförmig bis an den Rosa hinauf mehrere, mit ewigem Schnee bedeckte, einzeln stehende Bergspitzen und Kuppen, deren blendendes Weiss in sonderbarem Kontrast mit dem schwärzlichen Blau des Himmels steht und von deren hehr emporragenden Häuptern die spielenden Lüfte stets, einem luftigen Schleier ähnlich, den Schnee nach allen Seiten abwechselnd wegtragen, und dann den schönen, reinen Formen wieder anlegen. Nördlich, ganz nahe, ragt aus eisiger Hülle die kolossale, dreiseitig spitze Pyramide des Matterhorns empor, an deren steilen Seitenwänden der Schnee und das Eis sich nur stellenweise halten können. Diese Ansicht eines, aus einem weiten Eismeer drei- bis viertausend Fuss hoch sich erhebenden, ganz isoliert dastehenden Felskolossen ist zum Erstaunen und vielleicht im ganzen Alpengebirge das einzige Beispiel dieser Art.
Fortsetzung folgt

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