4. November 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 95

Der Führer fand es ziemlich bedenklich, dass der Schnee, der sonst fast immer gegen die Höhe des Passes hin gefroren, heute so ganz ungewöhnlich erweicht sei, was besonders für das jenseitige Hinabsteigen nach dem Wallis, auf der von der Morgensonne erwärmten Ostseite, noch in weit grösserem Masse der Fall sein werde. Nach beinahe anderthalbstündigem Ansteigen auf dem Gletscher langten wir glücklich auf der Höhe des Passes, und zugleich bei den höchsten Fortifikationswerken in Europa, ja vielleicht des ganzen Erdbodens an; denn man wird in einer Höhe von 10.416 Fuss über Meer, wie Herr von Saussure das Fort St. Theodul bestimmt, wenig Mauerwerk mit Schiessscharten antreffen, wie dieses hier, freilich nur in trockener Mauerung und ziemlich in Ruinen, der Fall ist. Doch zählt man, in der noch acht bis zehn Fuss über die Oberfläche sich erhebende Mauer, sechs bis acht, den Pass gegen das Wallis hin bestreichende Schiessscharten. Es sollen diese Verschanzungen, vor etwa dreihundert Jahren, von den Piemontesern errichtet worden sein, als sie einen Einfall der Walliser befürchteten.[1] Es ist fast unbegreiflich, dass Menschen in diesen, vom Frost starrenden Eis und Schneeregionen, wo der Sturm beständig so stark braust, dass der Schnee auf der Höhe selbst, wo die Schanze steht, niemals liegen bleiben kann, an kriegerische Massregeln gegen ihre Nebenmenschen nur noch denken, geschweige denn solche ausführen können. Selbst heute, bei dem hellesten Himmel, blies der Wind so stark und kalt aus Süden, dass wir auf der obersten Höhe nicht lange verweilen konnten, sondern uns in eine Felsenkluft unter den Wind verbargen. Es ist auch leicht zu erklären, warum auf diesem hohen Scheideck, das noch dazu zwischen den, zu beiden Seiten um mehrere Tausend Fuss höher sich erhebenden, Gebirgen liegt, stets ein so starker und kalter Luftstrom herrschen muss. Während nämlich bei Sonnenschein immer an einem oder mehreren der nahen, steilen Abhänge oder an den grossen Eis- und Schneewänden, die Sonnenstrahlen eine bedeutende Erwärmung der Atmosphäre verursachen, herrscht auf den anderen, beschatteten Stellen so eisige Kälte, dass eine stete und heftige Gegen- oder Auseinanderströmung dieser Luftschichten von verschiedener Schwere stattfinden muss.

[1] Der Theodulpass (3301 m), führt von Zermatt zwischen Theodulhorn und Testa Grigia hindurch über den südlichen Hauptkamm der Alpen ins italienische Breuil-Cervinia im Valtournenche. Der Pass scheint seit dem 5. Jahrhundert v.Chr. begangen worden zu sein. Das günstige Klima des Hochmittelalters ermöglichte im 1. Viertel des 13. Jahrhunderts die Besiedlung des Valle d'Ayas und des Lystals (Gressonay-Tal) durch die über den Theodulpass gezogenen Walser. Damals entstanden die noch heute im Aufstieg zum Pass vorhandenen gepflästerten Saumwege. Durch die Gletschervorstösse der Kleinen Eiszeit wurde der Weg vom 16. bis ins 19. Jh. zunehmend gefährlicher. Im 20. Jh. wurde der Pass für den ganzjährigen Skitourismus von beiden Seiten her mit zahlreichen Seilbahnen erschlossen.

Fortsetzung folgt

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen