27. November 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 118

Wenn man von den erwähnten sechs überstiegenen Höhen die beiden, der Zentralkette oder dem Hauptgebirgsrücken angehörenden zwei Scheidecken des Moro und Matterhorns abrechnet, so liegen die vier übrigen alle auf der Südseite der Zentralkette und laufen gleichsam strahlenförmig von ihrem höchsten Mittelpunkt, dem Rosagebirge, aus und teilen sich, weiter südlich, in eine Menge kleinere Äste und Zweige, die sich dann endlich in die Ebenen der Lombardei verlieren. Herr von Saussure führt in seiner nicht ganz ringsherum gemachten Tour um dieses Gebirge fünf Gebirgsketten an, die er nur auf der Südseite desselben, also die Höhen der Zentralkette nicht dazu gezählt, habe übersteigen müssen. Die Ursache davon ist, weil er nicht den kleinstmöglichen Zirkel beschrieben, sondern sich mehrere Stunden weiter von dem Mittelpunkt entfernt hat. Auf diese Weise war für ihn diejenige Kette, die wir mittels des Turlopasses zwischen Macugnaga und Alagna auf einmal überstiegen, schon in zwei Äste zerteilt. Auf der Nordseite der Zentralkette läuft ein einziger Gebirgsgrat vom Rosagebirge aus, der aber so hoch und gar nicht in die Länge fortsetzend ist, dass man ihn in kürzerer Zeit umgeht als übersteigt. Es ist jener schon mehr erwähnte Grat, welcher das Niklaustal von dem Saastal trennt und bei Stalden ausläuft. Seine ganze Länge beträgt höchstens sechs Stunden, und die obere, gegen den Rosa hin gelegene Hälfte, ist wegen Höhe, Steilheit und vergletscherter Beschaffenheit, beinahe ganz unzugänglich. Näher gegen Stalden hin aber senkt er sich beträchtlich und trägt auf seinem Rücken schöne Weiden, so wie auch das Dorf Grechen (Grächen), berühmt als Geburtsort des grossen Thomas Platter[1], der hier zuerst Ziegenhirt gewesen war und nachher, als einer der berühmtesten Professoren zur Zeit der Reformation, in Basel einen ausserordentlichen Wirkungskreis hatte.

[1] Thomas Platter wurde 1499 (oder später) in Grächen geboren. Nach einer strengen Kindheit als Ziegenhirt begab sich Platter 12-jährig mit einem Verwandten auf Wanderschaft, u.a. nach Sachsen und Schlesien, und besuchte 1517 in Schlettstadt (Elsass) eine Schule. An der Zürcher Fraumünsterschule lernte er bei Myconius Latein und Griechisch und liess sich zum Seiler ausbilden. Dort traf er Huldrych Zwingli und trat zur Reformation über. Später war Platter in Basel Seilergeselle und Lehrer, nahm 1529 am 1. Kappelerkrieg teil und wirkte als Lehrer in Visp sowie als Arztgehilfe in Pruntrut. 1531 liess er sich erneut in Basel nieder. Er gründete eine eigene Druckerei, in der er u.a. Johannes Calvins «Christianae religionis Institutio» (1536) druckte, arbeitete als Lehrer, war 1544-78 Rektor der Lateinschule auf Burg und betrieb daneben eine Kostgeberei (Pension) für 40 Schüler. Für seinen Sohn Felix verfasste Platter 1572 in kürzester Zeit seine Lebensbeschreibung, voll Sinn für Spannungsmomente und kernigen Ausdruck, die als eine der bedeutendsten Autobiografien des 16. Jh. gilt. Platter starb am 26.1.1582 in Basel.
Fortsetzung folgt

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