3. Februar 2019

Die Liszt-Schülerin aus Valeyres-sous-Rances

Montcherand, Sergey, Valeyres-sous-Rances, Mathod, Suscévaz: Sollten dir diese Ortsnamen nichts sagen, liebe Leserin, lieber Leser, ist dies kein Grund zur Unruhe. Die Waadtländer Geografie gehört nun mal nicht zur Allgemeinbildung der Deutschschweizer. Dass nun wenigstens mir diese fünf Dörfer seit gestern ein Begriff sind, habe ich der Besessenheit zu verdanken, sämtliche Gemeinden der Schweiz zu durchstreifen.

Ich ging von Yverdon nach Orbe. Der Nebel waberte über die abgeernteten Felder. Ein seltsamer Geruch von faulendem Gemüse machte sich breit. Die Sichtweite betrug lediglich ein paar hundert Meter. In leicht höheren Lagen stapfte ich durch nassen Schnee. Haargenau in der Streckenhälfte, ich hatte 10,6 km hinter mir, tauchte am Dorfrand von Valeyres-sous-Rances ein Schlösschen auf. Eines jener Sorte, die im Waadtland in Hülle und Fülle anzutreffen sind.

An der Schlösschenmauer hing eine Tafel, die auf eine gewisse Valérie de Gasparin-Boissier hinwies. Die Frau lebte von 1813–1894 in Genf, Paris und eben diesem Valeyres-sous-Rances. Ab dem 15. Lebensjahr nahm sie bei Franz Liszt in Paris Klavierstunden, musste jedoch nach zwei Jahren einsehen, dass ihre Stärken im Schreiben lagen.

Valérie de Gasparin (1813-1894)


Nach dem Tod ihrer Mutter 1836 beteiligte sich de Gasparin an der Westschweizer Erweckungsbewegung und heiratete 1837 den französischen Grafen Agénor Étienne de Gasparin. Im Laufe ihres Lebens verfasste die engagierte Frau mehr als 80 literarische und publizistische Werke, vor allem zu religiösen Themen. Ein zentrales Anliegen war ihr die Unauflöslichkeit der Ehe nach den Geboten des Christentums. Gemeinsam mit ihrem Gatten lebte sie ab 1847 in Valeyres-sous-Rances und beteiligte sich an dem Aufbau des Internationalen Roten Kreuzes von Henry Dunant.

Ab 1859 kämpfte sie im Namen der persönlichen Freiheit gegen das Diakonissenwesen, dem sie katholisierende Tendenzen vorwarf, und 1859 gründete sie mit ihrem Mann in Lausanne die École normale de gardes-malades, die erste nichtkirchliche Schule für freie Krankenpflegerinnen, aus der die heutige Klinik und Schule La Source entstanden ist. Weitere Ziele ihrer polemischen Kritik waren die Sklaverei im Allgemeinen, die Korruption im Staat und die französische Kriegspartei.

So neblig und garstig die äusseren Bedingungen dieser Wanderung durch die waadtländische Provinz waren, umso lehrreicher empfand ich die bescheidene Plakette am Eingang zum Schlösschen von Valeyres-sous-Rances. Die Bilder zu dieser Wanderung gibt es hier.

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