29. Dezember 2017

Wie das Paradies in die Schweiz kam

Mit den Paradiesen ist es so eine Sache. Alleine in der Schweiz gibt es sie gleich mehrfach. Und doch gibt es sie nicht wirklich. Paradiese sind etwas aus längst vergangenen Zeiten. Wer indes im jetzigen Leben von einem real existierenden «Paradies» spricht, betrügt sich womöglich selber oder aber, er weiss mehr als der Rest der Menschheit zu wissen glaubt. Unbesritten ist jedoch, dass wir Menschen uns nach Örtlichekeiten und Zuständen sehnen, die unseren Vorstellungen vom Paradies bzw. vom Paradiesischen entsprechen, so unterschiedlich sie auch sein mögen. Damit lässt sich ganz einfach begründen, weshalb es auch in der Schweiz Ortschaften oder Flurnamen mit der Bezeichnung Paradies gibt.

Dass ich ausgerechnet am Weihnachtstag an einem dieser Paradiese vorbeikam, scheint mir eher zufällig. Dennoch gerät der wunderfitzige Wandersmann bei derartigen Benamsungen ins Grübeln, nicht zuletzt deshalb, weil besagtes Paradies in Form eines ehemaligen Klosters auf thurgauischem Boden am Rhein bei Schaffhausen steht. Genau genommen hat dieses Klosterparadies seit längerem ausgedient, nennt sich die Örtlichkeit doch Altparadies, derweil sich das Neuparadies in einem Kilometer Entfernung befindet. Doch dort steht nicht etwa ein neues Kloster – weit gefehlt! Dort befindet sich der Bahnhof des Dorfes mit dem brachialen Namen Schlatt, darum herum gruppieren sich ein paar Industrie- und Wohngebäude. Wenn ich wählen könnte, mir wäre das Altparadies bedeutend sympathischer, allein schon der schönen und mit Bestimmtheit ruhigeren Lage direkt am Rhein wegen.

Blick durch die Gitterstäbe der Klosterpforte von Paradies (TG).


Wie aber kam es überhaupt zur Namensgebung Paradies zwischen Munot und Diessenhofen, unmittelbar an der Grenze zu Deutschland? – Recherche! Das vom Klarissen-Orden gegründete Frauenkloster in der Gemeinde Schlatt (TG) hat seinen Ursprung in Konstanz (D). Der Ort, wo sich das damalige Kloster befand, hiess ... Paradies. Als nun die gottestreuen Frauen um 1250 von Konstanz in die Schweiz übersiedelten, zügelten sie den Flurnamen Paradies gleich mit. Selbst der Reformation hielt das Kloster stand. Erst als zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Kanton Thurgau die Aufnahme neuer Novizinnen untersagte, begann der schleichende Untergang des Konvents. Als Anfang der 1830er-Jahre die Äbtissin starb, wurde das Kloster 1836 geschlossen. 1918 kaufte das Schaffhauser Industrieunternehmen, die Georg Fischer AG, das Klostergut. 1952 wurde die gesamte Klosteranlage umfassend restauriert. Heute befindet sich in den Räumlichkeiten die sogenannte Eisenbibliothek, die einzige Fachbibliothek der Schweiz zum Thema Eisenverarbeitung, sowie ein Ausbildungs- und Seminarzentrum. Die ehemalige Klosterkirche wird als Pfarrkirche der katholischen Gemeinde Schlatt-Paradies genutzt. Seit 1975 ist das Klostergut im Besitz der Stiftung Paradies, die von der Georg Fischer AG gegründet wurde.

Die Kirche des ehemaligen Klosters Paradies wird heute wieder von der katholischen Pfarrgemeinde genutzt.


Mit diesem ehemals klösterlichen Paradies ist es selbst heute noch wie mit dem biblischen: Da dürfen nicht alle rein! Das Georg Fischersche Paradies ist einzig den (zahlenden) Gästen vorbehalten: «Das Klostergut Paradies ist mit Rücksicht auf unsere Auslidungs- und Tagungsgäste nicht öffentlich zugänglich», lese ich am Haupteingang. Das ist aber schade, denke ich und schnappe mir einen Prospekt mit dem Titel «Tagen und feiern im Paradies». Ein kleiner Vermutstropfen bleibt mir jedoch wenige 100 Meter weiter. Wer mit dem Auto vom Paradies her kommend auf die Hauptstrasse einbiegen will, geniesst keinen Vortritt. Fussgängern steht indes eine kleine Unterführung zur Verfügung, um so dem Paradies sicher und ungehindert, wenn auch leicht frustriert, zu entkommen.

Eine Bildstrecke der Wanderung von Schaffhausen via Truttikon nach Andelfingen ist hier zu betrachten.

Schönes Detail bei der südlichen Zufahrt zum Kloster Paradies: die Wappen der sechs Urkantone.


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