11. Dezember 2017

257 Gemeinden

Amüsanter Auftakt zu dieser Wanderung im waadtländischen Teil des Broyetals. Im Zug von Bern nach Freiburg sitze ich nahe eines Trios aus dem Luzernbiet. Ihre Reise in die Romandie dient offensichtlich dem Besuch eines Weihnachtsmarktes, denn die Innerschweizer rekapitulierten mitunter, welchen Christkindelmärkten sie bereits die Referenz erwiesen haben: Stuttgart, München, Nürnberg, Strassburg. Als der Intercity  über das Saane-Viadukt fährt, kommt die Frage auf, ob dies immer noch die Aare sei. Die drei sind sich schnell einig: Dies ist die Aare! Der einzige Mann des Trüppchens doppelt gar nach: «Dort hinten ist doch die Aareschlucht, nicht?» Immerhin versucht sich nun die jüngere der beiden Frauen mithilfe ihres Smartphones schlau zu machen. Ich bin inzwischen aufgestanden und blicke auf ihr Display. «Ja, das ist die Saane», bestätigt sie. Ich bin drauf und dran zu intervenieren, doch dann geschehen zwei Dinge: 1. meint die Smartphone-Frau nun doch, dass es nicht die Saane sein könne. 2. ist der Zug inzwischen in Freiburg angelangt, und ich muss mit der Hoffnung aussteigen, dass dieses kleine Geografie-Lektiönchen doch noch sein glückliches Ende nehmen würde.

Nun aber zum Kern dieses Eintrags. Meine vorweihnächtlichen Destinationen lauten Villarzel, Henniez, Dompierre, Prévonloup. Alle garantiert ohne Christkindelmarkt – ganz im Gegenteil: Pampa-Dörfer, die vermutlich ihre besten Tage bereits hinter sich haben und sich nun mit Neuzuzügern über Wasser zu halten versuchen. Bei heftigem Schneetreiben verlasse ich in Granges-Marnand den Zug und schicke mich an, den Aufstieg nach Villarzel in Angriff zu nehmen. Das Strassendorf im Südosten von Marnand hat über Nacht etwas mehr Schnee erhalten, als der Talgrund. Die knapp 10 cm reichen den Kindern bereits zum «Füdliböpplen», wie die St. Galler zu sagen pflegen: Mit dem Hintern auf einem Schneeteller den Hang hinab rutschen.

Der Haupteingang zum ehemaligen Bad von Henniez (VD).

Besonders gespannt bin ich auf das ehemalige Bad Henniez, das über dem gleichnamigen Dorf am Rande einer kleinen Schlucht gelegen ist. Wer hier einen in die Jahre gekommenen Kurbadkomplex aus der guten alten Belle Époque erwartet, wird herb enttäuscht. Die nüchtern wirkenden Gebäude deuten auf den ersten Blick in keiner Weise auf den ehemaligen Badebetrieb hin. Vergeblich suche ich nach einer alten Anschrift «Bains d'Henniez» oder dergleichen. Die Quellen der Gegend wurden bereits zu römischer Zeit zu Heilzwecken genutzt. Im 17. Jahrhundert entstand ein erstes Bad, um 1880 wurde die Anlage zu einem Kurhotel aufgewertet. Ab 1930 erfasste der europaweite Niedergang der Heilbäder auch Henniez. Seit 1905 wird das Mineralwasser in Flaschen abgefüllt und ist schweizweit zum Inbegriff von Sprudelwasser geworden. Seit 2007 ist der einstige Familienbetrieb im Besitz von Nestlé. Noch immer figuriert das alte Heilbad auf der Flaschenetikette. Die Gebäude erinnern an ein schlossähnliches Anwesen; Heute dient die 1930 stillgelegte Liegenschaft als Wohnraum in sonderbarer Lage fernab jeglicher Zentren.

Das Bad ist gestorben, das Minerallwasser hat überlebt. Die Etiketten zeigen heute noch das ganz alte Bad.
Nachdem ich das Anwesen einmal umrundet habe, ziehe ich weiter südwestwärts nach Seigneux und von hier hoch nach Dompierre, wo ich in der Kirche Mittagsrast halte. Fünf Grad zeigt das Thermometer bei der Orgel, die nicht etwa auf einer Empore, sondern ebenerdig mit den Kirchenbänken im Rücken der Gemeinde steht. Im empfinde die Temperatur als äusserst angenehm, bin ich hier drinnen wenigstens vor dem auffrischenden Wind geschützt.

Unterhalb des ehemaligen Bades von Henniez durchquert der Wanderweg eine kleine Schlucht.

Der letzte Abschnitt hinüber nach Lovatens und hinab nach Lucens ist geprägt vom wechselhaften Winterweter. Mal peitscht mir der Schnee frontal ins Gesicht, dann reisst der Himmel plötzlich auf, und die Sonne bescheint für wenige Minuten die gleissende Landschaft. Kein Wunder bin ich auf der ganzen, knapp 15 km messenden Strecke der einzige Mensch en Route. Immerhin habe ich kurz vor den Henniez-Bädern das Glück, einen Fuchs beim Mausen auf offenem Feld zu beobachten. Mit der Begehung der vier ogbenannten Gemeinden verbleiben mir nun noch deren 257 von insgesamt 2395, was genau 10,73068893 Prozent entspricht.

Weitere Fotos dieser Wanderung finden sich hier

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