25. Oktober 2017

Prostituierte mit Halt auf Verlangen

Was wohl Englisch sprechende Touristen über die Schweizer und insbesondere die Walliser denken mögen, wenn in der Matterhorn-Gotthard-Bahn Richtung Andermatt kurz nach der Abfahrt in Brig die Durchsage ertönt: «Bitch – Request Stop». Ich war neulich über diesen phonetischen Gag derart ins Grübeln geraten, dass ich statt den Halteknopf die Notruftaste betätigte. Zum Glück bemerkte ich den Irrtum und drückte doch noch die richtige Taste. Der Zug hielt, und ehe sich die Notfallzentrale zu Wort melden konnte, stieg ich in Bitsch aus.

Ich trabte los, den Geleisen entlang, über den Rotten, hinauf nach Termen und weiter talaufwärts durch wunderbaren Herbstwald und drei wilde Gräben, bis ich mich über den Dächern des Dörfchens Bister und somit der letzten unbegangenen Gemeinde im Oberwallis wiederfand. Auf der gegenüberliegenden Talseite erblickte ich Rieder- und Bettmeralp mit ihren insgesamt vier Schwebebahnen, die als Nabelschnüre den physischen Kontakt zur Aussenwelt herstellen. Über dem unsichtbaren Aletschgletscher erhob sich das vergletscherte Geisshorn mit seinen Vor- und Nebengipfeln.

Kunst in der Wildnis, wie hier am Eingang zum Mattigrabu, empfinde ich als deplatziert, obschon das Kunstwerk alleine gefällt.

Der Waldweg senkte sich sanft zur Terrasse hinab, auf der Bister und Mörel gelegen sind. Selbst hier, im dauerhaft besiedelten Gebiet, zeigte sich kein Mensch. Auf einem Fahrsträsschen schritt ich weiter talaufwärts an einem Kapellchen vorbei und hielt auf Grengiols zu, dessen überproportional wirkende Kirche einem Bollwerk gegen was auch immer gleicht. Grengiols – die Einheimischen nennen es «Grängelsch» – verharrte im Mittagsschlaf, weshalb ich ohne Umschweife der Bahnhaltestelle zustrebte. Die Fahrt hinunter nach Brig erfüllte mich mit der Vorfreude eines Sprachhumoristen, die abrupt in ein Schmunzeln überging, als es wieder hiess: «Bitch – Request Stop».

Die Natur als Künstlerin: Blick von der Tunetschalp nach Brig, Glis und Naters. Oben links das Glishorn.

Weitere Eindrücke dieser einsamen Wandergegend gibt es hier zu bestaunen.

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