31. Dezember 2014

Rückblende

Das zu Ende gehende Jahr beinhaltete nicht nur einen der miserabelsten Sommer seit langem, es brachte aus persönlicher Optik ein paar bemerkenswerte Gegebenheiten, die ich gerne in einer kurzen Rückblende in Erinnerung rufe.
  • Anfang Januar hätte ich für die Schweizer Familie im Hölloch auf Reportage gehen sollen, doch die Wassersituation im Innern der Höhle war wegen des fehlenden Schnees heikel. Die Expedition mit Biwakübernachtung fand dann in der zweiten Februarhälfte statt. Hierbei holte ich mir einen Bluterguss unter dem linken, grossen Zehennagel. Dieser fiel dann gar ab und brauchte über acht Monate, bis er gänzlich nachgewachsen war. In dieser Zeitspanne entsteht sonst ein ganzer Mensch, dachte ich, als ich den Nagel zum erstenmal wieder schneiden konnte. Die 12-seitige Reportage erschien Anfang September und stellte gleich noch – mit Ausnahme der St. Beatus Höhlen – sämtliche Schauhöhlen der Schweiz vor.
  • Ende September, an einem schönen Wochenende, ging ich vom Klausenpass zur Claridenhütte. Den Abend verbrachte ich am Hüttentisch mit einem Fotomodell aus Madagaskar. Die zierliche Frau, mit einem Schweizer Banker verheiratet, geht ab und zu ins Gelände, was mich nicht wenig verblüffte. Meine nachträglichen Recherchen führten mich im Web tatsächlich zu besagtem Fotomodell, das übrigens einen Vornamen trägt, der weltweit einmalig ist und aus Datenschutzgründen hier nicht verraten sei.
  • Eine der schönsten Wanderungen führte mich in zwei Tagen von Göschenen zur Salbithütte und über die Bänderlücke hinunter nach Wassen. Zwischen der Lücke und dem Gross See führte die Route durch die wohl beeindruckendste Gletscherschlifflandschaft der Schweiz.
  • Fünf Tage später ging ich von der Glattalphütte durch den Karst des Silberengebiets via Pragelpass hinunter in die Richisau. Im Bus nach Glarus erkannte ich einen Asiaten, den ich bereits in der Salbithütte gesehen hatte. Ich sprach ihn an. Er entpuppte sich als 16-jähriger Austauschstudent aus Hongkong, der mit dem Hüttenwart der Salbithütte und dessen Familie soeben von einer Vrenelisgärtli-Besteigung zurück kam. Weil der Hüttenwart Tage zuvor nicht anwesend war, lernte ich ihn und seine Entourage doch noch kennen. Wir trennten uns erst am Bahnhof von Zürich. Zufälle gibt's. Den jungen Hongkong-Chinesen sprach ich kurz auf die aktuelle Protestwelle in seiner Heimat an. Er zuckte bloss mit den Schultern.
  • Ende Oktober gab meine Brille den Geist auf. Titangestell hin oder her: Der linke Bügel brach entzwei und eine neue Brille mit Korrekturgläsern musste her. Bis alles beim Optiker eintraf, hatte ich mich mit der Nahgleitsichtbrille zu begnügen. Meine Sehschärfe lag nun in einem Brennweitenbereich von 40 bis 120 cm. Das hielt mich nicht davon ab, mit meinem Wandergrüppchen «Rumpel und die Stilzchen» eine  knapp achtstündige Wanderung im Hinterland von Einsiedeln zu absolvieren. Endlich sah ich die Karte scharf, ebenso die Fotos auf dem Kameramonitor. Und dank der Dioptriekorrektur  am Sucher sah ich wenigstens während dem Fotografieren die weitere Umgebung comme-il-faut.
  • Ein anderer Defekt betraf im Sommer die Sohlen meiner Wanderschuhe. Mein Schuhmacher stufte die Angelegenheit als irreparabel ein, weshalb ich flugs neue Treter kaufen ging. Und weil ich wegen den Regentagen keine Zeit zum Einlaufen der Schuhe hatte, wagte ich mich bei eitel Sonnenschein an die Besteigung des Brienzer Rothorns. Den Siebenstünder, beinhaltend Auf- und Abstieg von/bis Sörenberg, überstand ich ohne jegliche Blessur. Ich nenne es das Wunder vom Rothorn.
  • Die defekten Wanderschuhe reparierte ich dann selber mit UHU-Leim aus der Migros. Nach der Reparatur legte ich bis heute knapp 90 Kilometer zurück. Die 3 Franken 80 für den Leim betrachte ich als amortisiert.
  • Ärgerlich war die Episode vom 2. August: Für eine Wanderreportage fuhr ich nach Eglisau, um von dort eine grosse Runde im Rafzerfeld zu drehen. Dumm nur, dass ich die Kamera zu Hause vergessen hatte. Ich knipste daher die Fotos mit dem Telefon und ging dann zwei Wochen später noch einmal hin. Die Hotspots fuhr ich nun mit dem Postauto an und brachte tolle Bilder zurück. Freuden und Leiden eines Journalisten …
  • Auf meinen Streifzügen in der Zentralschweiz machte ich auch ein paar Neuentdeckungen. So bestieg ich an einem der wenigen Schönwettertage den Schwalmis. Tolle Aussicht dort oben, wow! Dann drehte ich auf dem Wirzweli eine lange Runde. Das Filetstück hierbei war der Arvigrat. Ich kürte ihn kurzerhand zu meinem Lieblingsgrat. Besonders angetan war ich auch vom Aufstieg zur Albert-Heim-Hütte am Furkapass. Was der Gletscher hier mit dem Granit angerichtet hat, ist grosse Klasse. Beeindruckt war ich auch vom Wildheuerpfad am Fusse des Rophaien. Alle Achtung vor den Berglern, welche die steilen Planggen mit der Sense zu traktieren wissen.
  • Eine wunderschöne Tour war auch die Umrundung des Goldinger Tals, im St. Galler Oberland. Ich hatte die Route bereits geplant, als mich Thomas Widmer mit der kommenden Wanderung seines Fähnleins Fieselschweif bediente. Und ich machte grosse Augen, dass Wandergenosse Widmer wie ich in Goldingen starten wollte. Ja, er und seine Leute beabsichtigten, sogar mit demselben Bus an den Ausgangspunkt anzurücken. Im Gegensatz zu den wanderpäpstlichen Plänen, ging ich das Goldinger Tal im Uhrzeigersinn an. Wir rechneten aus, dass wir uns auf der Chrüzegg eigentlich wieder sehen müssten. Und so war es auch. Auf der sonnenbeschienenen Wirtshausterrasse half ich mit, Thomas' Pommes frites zu tilgen. Die dritte Begegnung kam leider nicht zustande. Ich verpasste in Goldingen das Postauto mit der Widmer'schen Fracht um lediglich zehn Minuten und fror mir stattdessen während 50 Minuten beinahe meinen Abortkunden ab.
  • Und, ich hätte es kaum für möglich gehalten, mir gelang die Fortsetzung meines Projektes Die Koordinate! Vor ein paar Tagen ging ich entlang der Koordinate 574 von Porrentruy nach St-Brais. Was war dies für ein Auf und Ab! 1640 Höhenmeter im Aufstieg standen 1100 Abstiegshöhenmetern gegenüber. Knappe acht Stunden war ich gehend unterwegs, durchstieg drei Schluchten im Weglosmodus, wuselte durch bewaldete Südhänge, ebenfalls ohne jeglichen Pfad. In der Höhe war es warm wie selten im Dezember, am Doubs unten lag dichter Reif. Wer im Jura quer geht, hat mit einem Dauerproblem zu kämpfen: den Stacheldrahtzäunen. Wie viele ich letztlich überkletterte oder durchkroch, ist mir nicht bekannt. Immerhin schaffte ich an einer dieser Stellen ein Selfie.
Der Schrittler wünscht all seinen Leserinnen und Lesern ein 2015 im Aufrechtgang!

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