15. November 2013

«Ein seltsamer, einsamer und eigensinniger Rebell»

Als ich am letzten Sonntag von Osten her auf Herzogenbuchsee zusteuerte, führte mich der Wanderweg auf ein Hügelchen mit Lindenbestand. Die Bäume liessen mich vermuten, dass es sich um einen ehemaligen Richtplatz, einen Galgenhügel also, handeln könnte. Dem war offenbar nicht so. Stattdessen erblickte ich einen Findling mit Plakette.

Die Berberitze neben dem Gedenkstein passt zum haudegenhaften Wesen Ulrich Dürrenmatts.


Diese Heraufbeschwörung des Stadt-Land-Grabens stammt, wie unschwer zu erkennen ist, aus dem Mund eines gewissen Ulrich Dürrenmatt. Zu Hause angelangt, fand ich im Internet meine Vermutung bestätigt, dass es sich bei Ulrich Dürrenmatt um einen Verwandten des legendären Friedrich Dürrenmatt handelt. Ulrich Dürrenmatt war der Vater von Hugo Dürrenmatt und dieser wiederum der Vater von Peter und Friedrich Dürrenmatt. Ha!

Doch wer war dieser Mann, dem man in einem kleinen Park an aussichtsreicher Stelle ein Denkmal gesetzt hat? Ulrich Dürrenmatt eblickte am 20. April 1849 im Schwandacker bei Guggisberg das Licht der noch jungfräulichen Eidgenossenschaft. Er besuchte das Lehrerseminar in Münchenbuchsee und war sodann als Lehrer in Rüschegg und Bern tätig. Nach der Weiterbildung zum Sekundarlehrer unterrichtete Dürrenmatt in Delsberg, Frauenfeld und Thun. Von 1880 bis 1908 war er Redaktor der konservativen Berner Volkszeitung. 1882 fungierte er als Mitbegründer und später gar als Anführer der konservativen Bernischen Volkspartei. Überdies amtete er als Gemeinderat von Herzogenbuchsee, als Grossrat und von 1902–08 gar als Nationalrat.

In Dürrenmatts konservativem Weltbild bildete der Antisemitismus eine feste Grösse. Er sah in den Juden eine «Race, ... die im Kleinsten wie im Grössten nur zwei Triebe kennt: den Christenhass und den Goldhunger». Dürrenmatt war zudem ein Vorkämpfer für den öffentlichen Gebrauch der berndeutschen Mundart und wurde bekannt für seine zum Teil in Mundart gehaltenen politischen Gedichte. Jede Nummer der «Buchsizeitung» (Berner Volkszeitung) versah er mit einem aktuellen Titelgedicht. Diese Gedichte trugen wesentlich zur Berndeutschbewegung nach der Wende zum 20. Jahrhundert bei.


Ulrich Dürrenmatt (1849–1908),
Grossvater des Schriftstellers
Friedrich Dürrenmatt
(Wikipedia Commons)
Ulrich Dürrenmatt wurde zum Mittelpunkt der konservativen Opposition gegen die freisinnige Vorherrschaft im Kanton Bern und auf Bundesebene. In diesem Sinne kämpfte er für den Ausbau der Volksrechte, bekannte sich aber im Übrigen zur «konservativen Demokratie» auf der Grundlage des Christentums und zu den traditionellen Wertvorstellungen des Bauernstandes. Gegenüber der materiellen Interessenpolitik des Schweizerischen Bauernverbands ging er indes auf Distanz. Als redegewandter Volkstribun vertrat er auf Föderalismus, Bauerntum, Familie und Christentum basierende Werte und wehrte sich vehement sowohl gegen die Wirtschaftsgläubigkeit der Freisinnigen wie gegen die Forderungen der Sozialisten.

Dem Geist des wilhelminischen Deutschen Reiches, der sich auch in der Schweiz breit zu machen begann, stellte er die ländlich-bernischen Tugenden entgegen. Entsprechend bekämpfte er den Vorschlag, Hochdeutsch als Verhandlungssprache des Berner Grossen Rats einzuführen und pries dafür das Berndeutsche als jene Sprache, welche die wahren Werte verkörpere. Der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt charakterisierte seinen Grossvater so:

Ein seltsamer, einsamer und eigensinniger Rebell: klein, gebückt, bärtig, bebrillt, mit scharfen Augen, ein Berner, der eine eigene Zeitung herausgab; der den Freisinn, den Sozialismus und die Juden hasste; auf den kein politisches Klischee passte und der für eine christliche, föderalistische, bäuerliche Schweiz kämpfte, zu einer Zeit, als sie sich anschickte, ein moderner Industriestaat zu werden, ein politisches Unikum, dessen Titelgedichte berühmt waren und von einer Schärfe, die man heute selten wagte.

Angesichts der antisemitischen und mitunter nationalistisch-frömmlerisch anmutenden Haltung, frage ich mich im Nachhinein, weshalb diesem Ulrich Dürrenmatt ein derartiges Denkmal gesetzt wurde. 

Quellen: Historisches Lexikon der Schweiz, Wikipedia 
 

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